Leutasch in Tirol hat sich mittlerweile zu unserer zweiten Heimat entwickelt. Seit über 10 Jahren machen wir hier regelmäßig Urlaub. Und je älter die Kinder werden, desto mehr kann ich sie (uneigennützig, versteht sich) in meine Touren einbinden.
Nachdem mich meine Tochter im Oktober bereits zur Gipfeltour auf die Hohe Munde begleitet hat, war es diesmal mein Sohn, der mit mir auf Tour gegangen ist. Schon immer wollte ich mit ihm in den Bergen zelten und habe mir ausgemalt, was das wohl für ein wunderbares Erlebnis wäre. Heute ist es soweit!
Eingebettet in den Familienurlaub – wie geht das?
Wenn man mit Kindern im Familienurlaub ist, ist es oft eine Herausforderung, die eigenen Abenteuer auszuleben. Vor allem in den Bergen, wo Wandern für Kinder nicht unbedingt das Coolste der Welt ist. Nachvollziehbar.
Hinzu kommt, dass meine Frau mit Zelten nichts anfangen kann. Genau das ist aber mein Ziel. Also muss eine geschmeidige Lösung her: Ein später Start am frühen Abend. Und dann eine Nacht im Zelt auf einem Berg, während meine Frau mit meiner Tochter in der Ferienwohnung im Tal den Abend ohne uns genießt. Direkt nach Sonnenaufgang wieder einpacken, Abstieg ins Tal und zum Frühstück sitzen wir wieder gemeinsam in der Ferienwohnung.
Das klingt machbar. Los geht’s!
Parken im Gaistal
Unsere Tour startet am Parkplatz Stupfer im Gaistal (P2). Es ist Ende Mai und bereits nach 18 Uhr. Der Parkplatz ist komplett leer, aber die Schilder mit der 24/7-Gebührenpflicht sind nicht zu übersehen.

Leider akzeptiert der Automat nur Münzen, die ich natürlich nicht dabei habe. »Inkassohütte« klingt bedrohlich, sie hat aber bereits geschlossen. Kartenzahlung gibt es nicht. Einen Strafzettel oder gar das Abschleppen des Autos möchte ich allerdings nicht riskieren. Immerhin parke ich die ganze Nacht hier.
Glücklicherweise gibt es eine App zum Herunterladen. EasyPark rettet mich für schlappe 75 Cent Servicegebühr. Leider bemerke ich erst jetzt, dass man immer für den jeweiligen Tag bezahlt. Die ersten fünf Euro sind damit weg. Im Prinzip müsste ich nach 0 Uhr also nachlegen.

Aber gut. Um 6 Uhr früh kommt sicher keine Politesse vom »Inkasso Moskau« um die Ecke. :-p
Aufstieg zur Wangalm
Gegenüber vom Parkplatz beginnt eine Schotterstraße, der wir in Richtung Wangalm auf 1751 m Höhe folgen.

Vor uns liegen knapp zwei Stunden Aufstieg. Und schon nach zehn Minuten kippt die Stimmung. Denn nun wird meinem Sohn schlagartig klar: Zelten auf einem Berg heißt erst einmal, den Berg zu besteigen […]
Das Wort, das ich bisher bewusst nicht ausgesprochen habe, wird Realität.
(Anmerkung der Redaktion: Es geht ums Wandern …)
Und ja, mein Sohn hat einen meiner 24-Liter-Rucksäcke auf dem Rücken. Darin befinden sich sein Schlafsack, eine leichte Isomatte und eine 0,5-Liter-Wasserflasche. Eigentlich waren es sogar zwei, doch eine habe ich ihm bereits nach den ersten Metern abgenommen.
Und trotzdem schaut er mich grimmig an und sagt:
»Ich geh nie wieder wandern.«
Also nehme ich ihm auch die zweite Wasserflasche ab und versuche, ihn zu motivieren.
Sind ja nur noch 1,5 Stunden. 😉
Let’s go!

Mein 65-Liter-Rucksack wiegt dagegen mehr als er selbst. Also fast. Trotzdem bin ich bestens gelaunt und motiviert. 😊

Nachdem wir die ersten echten Höhenmeter geschafft haben, legen wir eine kurze Rast ein. Die tolle Aussicht kann die Stimmung zwar nicht wirklich retten, aber damit war leider zu rechnen.
Ich hätte es als Kind auch gehasst, wenn mich mein Vater den Berg raufgepeitscht hätte.

Aber wenn man das stetige Meckern lächelnd ignoriert, kommt man trotzdem ans Ziel.
Ankunft an der Wangalm
Dass die Wangalm geschlossen hat, war uns vorher klar. In der Nebensaison ist sie nicht bewirtschaftet. Wir wollen aber ganz bewusst nicht auf Menschen treffen und haben sowieso unser Schlafzimmer auf dem Rücken dabei.

Im Vorfeld habe ich die geplante Wanderung mit Alois, dem Vermieter unserer Ferienwohnung besprochen. Er hat mir empfohlen, das Zelt an der Erinnerungshütte unterhalb der Gehrenspitze aufzustellen. Hier soll man eine perfekte Sicht und absolute Ruhe haben.
Doch mit Blick auf den Wegweiser und gleichzeitig ins Gesicht meines Sohnes wird unweigerlich klar:
Jetzt noch 1,5 Stunden weiterzuwandern, ist keine Option. :-p

Wir beschließen deshalb, einen Platz oberhalb der Wangalm zu suchen und werden schnell fündig.
Der ideale „Zeltplatz“
Direkt am Wanderweg gelegen, liegt etwas unterhalb und versteckt der perfekte Platz.
Windgeschützt durch große Steine, mit fast ebener Wiese und direktem Blick auf meinen absoluten Lieblingsberg: die Hohe Munde.
Traumhaft.

Also schnell das Zelt aufbauen, damit wir den Sonnenuntergang nicht verpassen.

Das Ganze ist in wenigen Minuten erledigt, wenngleich ich beim Einschieben der Heringe in den Boden ein paar Mal Kontakt mit fiesen Brennnesseln habe. Doch die Aussicht auf die Berge entschädigt.
Und schon beginnt der entspannte Teil des Abends, für den sich der mühsame Aufstieg gelohnt hat.

Der Ausblick ist wirklich fantastisch. Sofort kommen Erinnerungen hoch: Vor einem halben Jahr stand ich ganz oben auf dem Gipfel der Hohen Munde, mit meiner kleinen Tochter.
Nun sitze ich auf der anderen Seite des Berges mit meinem Sohn im Zelt.
Großartig.

Ein Abend im Zelt
Da der Sonnenuntergang aus fotografischer Sicht wenig spektakulär ist, gehen wir direkt in den gemütlichen Teil des Abends über. Es wird Zeit für ungesunde Fertignudeln mit Wasser aus dem Gaskocher.
Lieben wir!


Nach dem Essen kümmern wir uns um diverse Herausforderungen.
Das aufblasbare Kopfkissen hat ein Loch. Also wird kurzerhand die Daunenjacke zum Kopfkissen umfunktioniert.
Beim ersten Probeliegen fällt dann auf, dass der Boden doch nicht so eben ist, wie zunächst vermutet. In Schräglage kippt man quasi hintenüber, die Füße erreichen den höchsten Punkt und das Blut fließt in den Kopf. Unschönes Gefühl.
Aber macht nichts. Dann drehen wir uns eben um und schlafen mit den Köpfen am Fußende des Zeltes. Das ist deutlich bequemer hat aber einen Nachteil: Das Zelt hat am Fußende weniger als 50 cm Höhe. Die Zeltwand liegt quasi auf unserem Gesicht.
Aber irgendwas ist ja immer.

Ansonsten herrscht hier oben wirklich eine paradiesische Stimmung. Wir telefonieren noch kurz mit der Mama (voller Handyempfang auf dem Berg?), damit sie sich keine Sorgen macht.
Das Wetter ist perfekt: absolut klar, windstill und für Ende Mai angenehm warm. Es sind 14 Grad. Damit ist es deutlich wärmer als bei meinem letzten Zeltabenteuer auf einem Berg, als es im August nachts plötzlich bis auf -1 Grad abgekühlt war und das Zelt am frühen Morgen leicht vereist war.
Den dicken Schlafsack brauchen wir heute also gar nicht. Wir schlafen in kurzer Hose und T-Shirt.
Mittlerweile ist es fast 22 Uhr und der Himmel noch immer recht hell. Ein großer Vorteil, wenn die Tage im späten Frühjahr schon so lange sind.

Milchstraße über der Hohen Munde fotografieren?
Was seit über 10 Jahren auf meiner Liste steht, ist das Fotografieren der Milchstraße über der Hohen Munde. Doch immer, wirklich immer, wenn Ferien sind, ist entweder der Himmel wolkenverhangen oder das Wetter spielt nicht mit.
Doch heute passt alles! Die Wolken sind fast vollständig verschwunden. Auch das Timing ist gut: Gegen 3 Uhr würde die Milchstraße genau über der Hohen Munde stehen.

Aber ja, wie es halt immer so ist: Natürlich muss genau heute Vollmond sein, der zu allem Übel wie ein Flutlichtmast genau über der Hohen Munde ins Zelt strahlt …

Trotzdem starte ich einen Versuch und möchte zumindest ein paar Sterne auf der gegenüberliegenden Seite ins Bild bekommen.
Doch schon nach dem ersten Foto fällt die Kamera vom Stativ und landet unsanft auf dem Boden. Offenbar hat sich während der Wanderung eine Schraube am Stativkopf gelöst und ist unterwegs auch noch verloren gegangen.
Also muss ich die Kamera notdürftig mit der Hand am Stativ festhalten. 20 Sekunden manuelle Belichtung können verdammt lang werden, wenn man dabei absolut stillhalten muss.
Als dann beim ersten Versuch auch noch ein durchfliegender Satellit die Langzeitbelichtung ruiniert, habe ich endgültig die Lust verloren.

Zeit zum Schlafen.
Gute Nacht!
Der Sonnenaufgang
Okay, an Schlaf war irgendwie nicht zu denken. Es war unbequemer als erwartet und ich lag die halbe Nacht wach im Zelt.

Doch der frühe Vogel fängt den Wurm. Oder er greift zur Kamera.
Während mein Sohn noch schläft, lauere ich auf den Sonnenaufgang. Der wird allerdings durch die Berge versperrt.

Instagram vs. Reality? Es kann eben nicht immer klappen.
Also starte ich die Drohne zu ihrer Mission, diese natürliche Grenze zu überwinden.
Doch schon beim Blick über die Gehrenspitze wird klar: Der Sonnenaufgang wird maximal mittelmäßig. Zwar tummeln sich ein paar Wolken am Himmel, echte Dramatik kommt aber nicht auf.

Wenn man jedoch oben an der Erinnerungshütte stünde, hätte man vermutlich einen imposanten Blick von der Gehrenspitze über das Puittal. Ich werde definitiv noch einmal wiederkommen müssen.

Für heute muss die Fotografie allerdings pausieren.
Denn eigentlich ging es bei dieser Tour um etwas anderes: um das Abenteuer mit meinem Sohn. Darum, ihn für eine Nacht aus seiner gewohnten städtischen Umgebung herauszuholen, weg vom Computer und hinein in die echte Welt.

Mittlerweile ist es 6 Uhr und die Hohe Munde wird wunderschön vom ersten Licht des Tages erleuchtet.
Ein magischer Moment.
Ich genieße 30 Minuten die Aussicht. Dann klettere ich zurück ins Zelt, um meinen Sohn sanft zu wecken. Das zarte Säuseln des Gaskochers, der heißes Wasser für den Tee liefert, begleitet uns dabei. Es sind die Kleinigkeiten, die ein solches Zeltabenteuer besonders machen.

Abstieg zum Parkplatz
Gegen 7:30 Uhr beginnen wir schließlich den Abstieg zur Wangalm. Der Rückweg ist deutlich angenehmer und schneller als der Aufstieg.


Nach rund einer Stunde erreichen wir das Auto und fahren zurück zu unserer Ferienwohnung nach Leutasch.
In die wir allerdings ohne Schlüssel nicht hineinkommen. Die Haustür ist verschlossen und meine Frau und meine Tochter schlafen noch. Eine gute Gelegenheit, noch einmal beim Bäcker einzukehren und frische Brötchen zu besorgen. 😊
Und so endet unser kleines Vater-Sohn-Abenteuer. Die Milchstraße habe ich nicht fotografiert. Der Sonnenaufgang war eher mittelmäßig. Das Kopfkissen hatte ein Loch und der Zeltplatz war deutlich schräger als gedacht.
Aber genau deshalb wird mir diese Nacht vermutlich noch lange in Erinnerung bleiben. Denn manchmal sind es eben nicht die perfekten Fotos, die eine Tour besonders machen.
Danke Theo, dass du mitgekommen bist. Und danke dir, dass du mitgelesen hast!
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