Heute startet die eigentliche Alpenüberquerung. Nachdem wir gestern vom Königssee zum Kärlingerhaus gewandert sind, geht es heute über das Steinerne Meer bis nach Maria Alm. Es freut mich sehr, dass du im Recap wieder mit dabei bist!

Der Morgen am Kärlingerhaus
Um 06:10 Uhr werde ich unsanft aus dem Schlaf gerissen, weil irgendwer die knarzende Zimmertür geöffnet hat: Ah, es ist Mario. Moin!
Ich schaue nach links: Matti schläft noch tief und fest. Obwohl er mit dem Kopf zur Tür liegt. Falschrum quasi. Doch Konventionen gibt es auf 1.638 Metern keine. Jeder, wie er mag. Bei mir bestand die halbe Nacht darin, die Decke bei Laune zu halten.

Die Kombination aus Hüttenschlafsack und DAV-Wolldecke darüber ist immer ein Drahtseilakt. Man versucht, die Decke mit keinem Zentimeter seines Körpers zu berühren, weil sie (vermutlich) höchstens 1x pro Saison gewaschen wird. Gleichzeitig rutscht die Decke aber ständig vom seidenglatten Schlafsack herunter und man muss sie zurückschieben. Sonst wird es frisch; und bekanntlich frieren alte Männer schnell. Ein Teufelskreis.
Aber bleiben wir bei Mario, der inzwischen wieder zurück ist. Er berichtet voller Begeisterung, dass gerade tiefe Wolken über den See ziehen.
»Thomas, das musst du unbedingt fotografieren. Das sieht mega aus!«
Leider kann ich mich nicht sofort aus dem warmen Schlafsack aufraffen. Erst nach 10 Minuten stehe ich auf. Der Blick aus dem Fenster sagt mir: Den Nebel habe ich genauso verpasst wie den korrekten Fokus im Foto (der Funtensee ist leider unscharf).

Ich verlasse das Zimmer und sehe in der Ferne zumindest noch ein kleines Wolkenband über dem Kärlingerhaus, was sich zu fotografieren lohnt.

Eigentlich wollte ich jetzt noch ein paar Bilder von meinen neuen Wandersocken machen, die ich für die E10-Tour gesponsert bekommen habe. Aber irgendwie hatte ich dann doch kein Interesse daran, diesen Blogbeitrag mit Affiliate-Marketing zu bepflastern.
Machen wir lieber einen Abstecher runter zum See, mit Matti?
Ausflug zum Funtensee

Da es im Schatten noch empfindlich frisch ist, beschließen wir, lieber der Sonne entgegenzulaufen, die sich allmählich über die Gipfel schiebt.

Matti cheatet und läuft dabei quer durchs Gelände, um den perfekten Platz auf einem Hügel zu finden. Wer Matti im Bild findet, darf ihn behalten. Er ist perfekt in Grün eingebettet.

Währenddessen starte ich eine kleine Discovery-Tour am Funtensee und suche nach dem idealen Fotomotiv. Bekanntlich kommt es dabei auf den Vordergrund an, der hier aber ziemlich glitschig und sumpfig daherkommt.

Der Funtensee ist übrigens der kälteste Ort Deutschlands. Hier wurde an Heiligabend im Jahr 2001 ein Tiefstwert von -45,9 Grad gemessen. Der tapfere Matti lässt es sich natürlich nicht nehmen, heute darin baden zu gehen.
Baden im Funtensee
Es gibt nur ein Komfortproblem: Matti hat sein Handtuch im Zimmer vergessen. Also flitzt er schnell zurück ins Kärlingerhaus, um dann direkt in den See einzutauchen.

Matti ist kaltes Wasser von der heimischen Ostsee gewohnt. Schon bei unserer E5-Tour lag er entspannt im Rossgumpen-Wasserfall.
Es macht ihm demnach auch nichts aus, für mein Foto darauf zu warten, dass endlich die Sonne rauskommt. Denn die brauche ich, um die Wassertropfen einfrieren zu lassen.

Und während Matti munter weiter planscht und ich 10 Bilder pro Sekunde in die Kamera schieße, laufen Robert und Mario an uns vorbei und rufen:
»Jungs, wir starten schon. Wir treffen uns 12 Uhr am Riemannhaus«
Aufs Frühstück im Kärlingerhaus haben wir bewusst verzichtet. Weil wir geizig sind und lieber von unseren mitgebrachten Riegeln leben? Ja, aber wir wollen sowieso schon zum Mittag auf einer schönen Hütte einkehren. Das Riemannhaus wurde uns gestern von einer Wanderin aus Chemnitz empfohlen, die hier seit ein paar Tagen mit einer 7-köpfigen Wandergruppe samt Bergführer unterwegs ist.
Wanderung zum Riemannhaus
Grundsätzlich gibt es zwei Wege zum Riemannhaus. Beide sind jeweils drei Stunden lang. Robert und Mario sind dem Weg am Funtensee gefolgt. Da wir dort schon die ganze Zeit rumgelungert haben, haben Matti und ich den anderen Weg oberhalb des Kärlingerhauses gewählt.

Um 09:15 Uhr starten wir die Tour und folgen der Beschilderung Richtung Riemannhaus.

Wir gewinnen schnell an Höhe, die grüne Vegetationszone wandelt sich komplett. Der Weg wird sehr steinig, in der Tat! Aber dazu gleich mehr.

Zunächst läuft alles nach Plan. Das Wetter ist traumhaft. Der Ausblick sensationell. Und anders als beim E5 sind wir ganz allein unterwegs. Keine Menschen weit und breit.

Doch nach und nach werden die Wege undurchsichtiger. Es fühlt sich an wie in einem riesigen Labyrinth.

Mittlerweile haben wir die Grenze nach Österreich überquert und uns …
Hemmungslos verlaufen
Gegen 10:00 Uhr treffen wir auf eine herrlich gelegene Holzhütte am Wegesrand. Doch wir machen einen fatalen Fehler: Wir biegen links ab.

Nach etwa 15 Minuten haben wir die Orientierung verloren. Wo geht es lang? Wir irren planlos umher: Vor und zurück.

Je höher wir kamen, desto schmaler wurden die Wege. Wir drehen um, finden dann aber doch wieder eine Markierung im Stein. Hier muss es langgehen.

Ein frischer Wind zieht auf. Matti wechselt freiwillig auf seinen Pullover. Auskühlen will hier oben keiner von uns. Wir blicken nach links und sehen einen Gipfel. Müssen wir da echt hoch? Das passt doch nicht zum „normalen“ E10.

Wir drehen um, laufen zurück, finden aber erneut keine Markierungen. Müssen wir doch über den Gipfel? Wir laufen wieder nach oben und gestehen uns ein: Wir haben uns verlaufen!
Etwas leichtsinnig, dass keiner von uns vorher die Karte studiert hat, geschweige denn überhaupt eine dabei hat. Ziemlich doof auch, dass es seit Stunden keinen Handyempfang gibt. Nur der Satelliten-Notruf ist am Start, nützt uns aber nichts.

Wir entschließen uns, weiter Richtung Gipfel zu wandern. Es sind nur noch 200 Meter Luftlinie. Doch als ich auf dem losen Gestein seitlich wegrutsche und dabei meinen rechten Wanderstock fast zerbrochen hätte, geben wir auf. Ohne jede Orientierung fühlen wir uns der Natur so richtig ausgeliefert.

Aber was machen wir nun? In welche Richtung müssen wir überhaupt? Völlig unklar. Wir beschließen, den Rückweg anzutreten, zur Not sogar bis zum Kärlingerhaus.
Schließlich kommen wir wieder am kleinen Holzhaus vorbei, wo wir vor über zwei Stunden gestartet sind.

Wir schauen uns noch mal ganz genau um und entdecken links vom Haus ein Wanderschild, das zum Riemannhaus zeigt. Tatsächlich hätten wir einfach nur am Haus vorbeilaufen müssen, statt davor abzubiegen.

Naja, sei’s drum.
Zumindest sind wir jetzt auf dem richtigen Weg. In der Ferne sehen wir noch den Gipfel, auf dem wir gerade (fast) oben standen. Es ist der Viehkogel (2.158 m), wie wir jetzt wissen.

Es gibt nur ein Problem: Es ist bereits 13 Uhr und Robert und Mario warten schon lange am Riemannhaus auf uns. Hoffentlich machen sie sich keine Sorgen. Wir sind schon vier Stunden unterwegs, haben aber so gut wie nichts von unserer regulären Strecke geschafft.
Wanderung durchs Steinerne Meer
Vor uns liegt das Steinerne Meer, ein verkarsteter Gebirgsstock mit ausgeprägten Hochflächenbildungen. Und der Name ist Programm.

Zunächst ging es für 30 Minuten recht steil bergauf. Dann standen wir in den endlosen Weiten, in völliger Stille. Absolut beeindruckend.

Doch man muss aufpassen, wohin man tritt, im Boden waren teilweise tiefe Einschnitte.

Der Weg übers Steinerne Meer zog sich ewig. Hinter jeder Anhöhe vermuteten wir das Riemannhaus, aber es kam einfach nicht. Stattdessen weiterhin nur „Wüste“.

Erst gegen 15 Uhr erreichen wir endlich die Hütte, exponiert auf 2.177 m Höhe. Ein tolles Gebäude!

Und endlich haben wir wieder Handyempfang! Robert hat uns eine Sprachnachricht hinterlassen, dass sie schon zwei Stunden auf uns warten und jetzt Richtung Maria Alm absteigen werden.
Essen im Riemannhaus
Wir lassen es uns natürlich nicht nehmen, auch nach drei Stunden Verspätung noch unser Mittagsessen einzunehmen. Matti entscheidet sich für die klassische Brotzeit, ich wähle süß und bestelle Kaiserschmarrn. Sehr lecker!

Um 16:15 Uhr starten wir schließlich den Abstieg nach Maria Alm.

Der endlose Abstieg nach Maria Alm
Vom Riemannhaus sind es ca. zwei Stunden Gehzeit bis zum Parkplatz an der Materialseilbahn. Es geht dabei ca. 700 Höhenmeter bergab und die haben es in sich.

Der obere Abschnitt ist sehr steil. Es sind viele Stufen und teils ausgesetzte, felsige Passagen zu überwinden, wo man gut beraten ist, sich am Seil festzuhalten.


Nach knapp zwei Kilometern erreichen wir die Talstation der Materialseilbahn. Damit endet das alpine Gelände und wenn man nach oben schaut, fragt man sich, wie man da überhaupt heil runtergekommen ist.

Schotterweg nach Maria
Doch die Tour ist noch nicht vorbei. Der Steig mündet in eine breite Schotterstraße, die (laut Schild) in einer Stunde nach Maria Alm führt.

Was auf dem Foto nicht rüberkommt: der Weg hat ein unangenehmes Gefälle. Der lose Schotter ist äußerst rutschig und nach dem langen Marsch der leise Killer für unsere müden Beine.
Als wir nach einer Stunde am „Parkplatz Riemannhaus“ ankommen, stellen wir fest: Scheinbar ist der Ort (Maria Alm) noch immer eine Stunde entfernt. Das ist doch Scam! Das stand schon vor einer Stunde auf dem Schild. So kommen wir nie an.
Doch dann taucht hinter uns ein schwarzer Kleintransporter auf. Matti nutzt die Chance und hält ihn an, um zu fragen, ob er uns mitnehmen kann. Doch die Sitzbank vorn ist mit zwei Wanderern belegt, die bereits als Anhalter mitfahren. Aber der Fahrer zeigt Erbarmen für uns:
»Wenn es euch nichts ausmacht, könnt ihr im Kofferraum mitfahren, da ist noch Platz.«
Gesagt, getan. Eine Minute später sitzen wir im Transporter von Thomas, einem deutschen Handwerker aus dem Oberallgäu.

Seine Frau und ihr Hund sind ebenfalls mit an Bord. Auch sie waren heute oben am Riemannhaus und haben sogar die Schönfeldspitze (2.653 m) bestiegen.
Netterweise haben sie uns bis nach Saalfelden mitgenommen, weil in Maria Alm um die Zeit keine Busse mehr fahren.
Mit dem Zug nach Zell am See
Unser finales Tagesziel ist Zell am See, was nur 10 Min. mit dem Zug entfernt liegt.

Nach fast 12 Stunden erreichen wir um 20:30 Uhr unser Hotel, wo wir die heutige Nacht verbringen werden.


Wir haben ein gemütliches 4-Bett-Zimmer direkt am See, schlendern noch ein wenig durch die Stadt, essen eine Kleinigkeit und freuen uns auf die morgige Etappe 3 unserer Alpenüberquerung.
Danke, dass du uns bis hierhin begleitet hast.
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