Heute startet der 4. Tag unserer Alpenüberquerung. Gut erholt wache ich im E10-Bett Ehebett von Zimmer 14 auf, neben Matti. Wer den letzten Teil gelesen hat, wird sich erinnern: Wir haben im Karl Volkert Haus übernachtet, direkt an der Großglockner-Hochalpenstraße.
Und am Morgen herrscht hier eine himmlische Ruhe. Vorm Haus parken nur zwei Autos: keines davon gehört uns. Irgendwie faszinierend, dass wir zu Fuß hier sind, auf 2.148 Metern Höhe, nur mit einem Rucksack bewaffnet.
Weniger schön sind die Wetteraussichten. Es hat die ganze Nacht geregnet, und er wird uns am Vormittag erhalten bleiben.

Wir haben demnach keine Eile das Haus zu verlassen. Zu viert finden wir uns um 8 Uhr im muckelig beheizten Gastraum zum ausgedehnten Frühstück ein. Neben uns ist noch eine 3er-Gruppe aus dem Ruhrpott am Start, die genau wie wir ihren jährlichen Männerurlaub mit Wandern verbringen. Und weil gerade Fußball-EM läuft, kamen wir bereits gestern Abend ins Gespräch, denn Robert hat mit seinem Smartphone den einen, unerklärbaren Balken Mobilfunk im Restaurant einfangen können, um Magenta-TV zu starten.
Aber verlieren wir keine Zeit mit Smalltalk. Wir sind zum Wandern hier! Der Wettergott hat uns einen wunderbaren Regenbogen direkt über dem Margaritzenstausee gezaubert.

Wusstest du, dass man den Anfang eines Regenbogens niemals finden kann, weil er physikalisch gesehen ein geschlossener Kreis ist? Sieht man gut vom Flugzeug aus, doch wir sind bekanntlich zu Fuß unterwegs.
Wanderstart am Glocknerhaus
Und wo wir gerade auf dem Boden der Tatsachen sind: Kaum haben wir die Wanderschuhe angezogen, verzieht sich die Sonne wieder. Der Regen kommt zurück. Egal. Auf geht’s!

Unsere heutige Tour startet am felsigen Kunstwerk „Glocknertor“ direkt neben dem Glocknerhaus auf 2.132 m Höhe.

Von hier geht es bergab zum Margaritzenstausee, in dem bis zu 3,2 Mio. m³ Wasser gespeichert sind, die für den Betrieb des Kraftwerks genutzt werden.

Und Wasser ist ein gutes Stichwort. Das Wetter ist die ideale Gelegenheit für Robert, sein neuestes Temu-Gadget auszuprobieren: Ein Regenschirmhut. So hat er die Hände für die Wanderstöcke frei. Clever.
Definitiv keinen Regenschirm brauchen die kleinen molchigen Kollegen am Wegesrand. Schwarz wie die Nacht, glitschig und neugierig, juckt sie das Wetter herzlich wenig.

Je tiefer wir kommen, desto näher kommen wir den Staumauern. Plural, denn es sind zwei!

Aus der Ferne wirken sie unscheinbar. Doch sobald man darüber läuft, ist die Höhe schon spektakulär.

Abzweig am Wanderweg. Wie geht es weiter?
Eigentlich wollten wir dem Wiener Höhenweg folgen, über die Stockerscharte steigen und zur Salmhütte wandern. Doch Robert hat Zweifel. Bei dem Wetter, mit so tiefen Wolken werden wir dort oben keinerlei Aussicht haben.

Mario ist enttäuscht, möchte lieber über die Scharte steigen, beugt sich aber dem indirekten Gruppenzwang.
Wir lassen ein letztes Mal die Blicke über den Stausee gleiten …

… blicken hinauf zum Karl Volkert Haus …

… und entscheiden uns für die Vernunft. Wir folgen dem Wanderweg „Kaiser-Franz-Josefs-Höhe“ Richtung Leiterbach. Es geht tief hinab ins Tal. Die Lichtstimmung ist absolut magisch.

Und dann betreten wir plötzlich Wolfsgebiet! Da kann Mario wieder lachen 🙂

Abzweig am Leiterbach
Um 11:30 erreichen wir den Abzweig am Leiterbach, wo wir dem Glocknerweg folgen. Ab hier geht es (endlich) wieder bergauf.

Wir folgen dem malerischen Leiterbach.

Nach etwa einer Stunde (wir haben heute noch keine Menschen gesehen) erreichen wir eine Hütte, die direkt am Hang gebaut wurde.

Sie sieht noch recht neu aus und wirkt ein wenig wie ein Ferienhaus. Aber hier? Mitten im Nichts?

Zeit für eine kleine Rast. Ich öffne das Gatter, um mich an den Holztisch zu setzen. Doch dann bin ich neugierig: kommt man in die Hütte hinein? Ich steige die schwarze Metalltreppe hinauf und drücke die Türklinke langsam nach unten.
Die Tür öffnet sich, oh! … und es brennt Licht. Ich höre Stimmen und versuche, mich leise davon zu schleichen. Doch ich wurde bemerkt. Plötzlich steht eine ältere Frau vor mir. Zum Glück hält sie mich nicht für einen Einbrecher. Wir kommen ins Gespräch.
Sie ist Rentnerin und lebt hier oben mit ihrem Mann, um sich etwas Geld dazu zu verdienen. Von Mai bis Mitte September kümmern sie sich um die Tiere, sagt sie. Strom beziehen sie per Solaranlage vom Dach. Wasser kommt aus der Leitung von oben. Ich frage nach, woher sie das Essen bekommen. „Das kommt per Hubschrauber, aber der kommt nur ein einziges Mal“, sagt sie.
Sehr spannend, auf diese Art die Sommermonate in den Bergen zu verbringen. „Machen sie das Gatter bitte wieder zu?“, bittet sie mich. Mach ich, denn wir müssen weiter.
Aufstieg zur Glorer Hütte
Wir fragen uns die ganze Zeit, von welchen Tieren die Frau gesprochen hat. Wir haben bisher kein einziges gesehen. Doch die Wiese oberhalb der Hütte ist ein einziges Kuhfladenmeer.

Kurz darauf treffen wir die Verursacher, die munter am Wegesrand chillen.

Mario begrüßt sie herzlich. Doch sie lassen sich nicht aus der Ruhe bringen.

Auch als ich ganz nah mit der Kamera herangehe, scheint sie das kein Stück zu interessieren.

Kurz darauf sehen wir noch eine Herde Wildpferde am Hang, die du auf deinem kleinen Smartphone sicher kaum erkennen kannst.

Und mittendrin noch zahlreiche Murmeltiere, die lautstark pfeifen, aber leider zu schnell für meine Weitwinkelkamera sind.
Ebenso schnell ziehen die Wolken, und bevor der Regen wieder losgeht, gehen wir lieber weiter. Wir machen noch schnell ein Gruppenfoto …

… dann steht der finale Aufstieg zur Glorer Hütte auf dem Programm.

Die Wegmarkierungen sind hier mit viel Liebe zum Detail gestaltet.

Nach erneuten Regengüssen erreichen wir nach vier Stunden die Abzweigung zur Salmhütte, wo wir ursprünglich hinwollten.

Wer ganz genau hinschaut, sieht die Hütte sogar in der Ferne. Für alle, die keine Adleraugen am Start haben, hilft der Zoom vom Smartphone auf die Sprünge:

Was man in jedem Fall sieht: Die Wolken hängen sehr tief. Es war eine gute Entscheidung, nicht über die Stockerscharte gestiegen zu sein.
Und nun setzt wieder der Regen ein. Zum Glück können wir unser Zwischenziel bereits vor uns sehen.

Gegen 14 Uhr erreichen wir die Glorer Hütte.

Nach einem sehr herzlichen Willkommen verbringen wir fast zwei Stunden in der urgemütlichen Hütte. Unsere Sachen sind in der Zeit getrocknet, wir haben reichlich gegessen und getrunken. Doch Matti hat noch nicht genug. Als wir aufbrechen wollen, bestellt er noch ein Glas Wein und sagt: „geht schon mal vor, ich hole euch ein“.
Gesagt, getan. Wir satteln die Pferde und ziehen los.

Zum Kölner Dom geht es übrigens nach links, falls du das Schild oben nicht lesen kannst. Doch die 789 km sind uns zu weit, wir wählen den direkten Abstieg hinunter zum Lucknerhaus.
Abstieg zum Lucknerhaus
Mit Blick auf die Wolken können wir nur hoffen, dass Matti nicht zu lange versackt und wir uns heute noch trocken wiedersehen.

Direkt unterhalb der Glorer Hütte treffen wir auf eine Horde Schafe, die neugierig auf uns zulaufen.

Und wieder pfeifen die Murmeltiere von allen Seiten. Zumindest mit dem Smartphone gelingt mir diesmal ein Beweisfoto!

Der Abstieg ist technisch recht anspruchslos, landschaftlich aber sehr schön.

Langsam erobern wir die Baumgrenze zurück.

Selbst die Kühe passen sich malerisch in die Landschaft ein, als wollen sie explizit fotografiert werden.

Oder guckt die Kuh nur skeptisch, weil es rechts zum „bösen Weibele“ geht?

Wir wissen es nicht. Aber nach einer reichlichen Stunde sind wir unten angekommen. 15,35 km sind wir heute gewandert: 965 m Höhenmeter im Anstieg und 1.152 m im Abstieg.
Und während wir uns überlegen, ob wir am Lucknerhaus ein Taxi rufen oder die fünf Kilometer bis ins Tal laufen, taucht plötzlich ein Bus auf. Robert hat ihn reflexartig mitten auf der Straße gestoppt: „Nehmen Sie uns mit?“, fragt er. Macht er!
Mit dem Bus nach Kals
Und so sind wir 20 Minuten später in Kals am Großglockner, einer malerischen Gemeinde auf 1.325 Metern Höhe im Osttiroler Kalsertal.

Wir übernachten heute im Ködnitzhof in Kals. Robert hat zwei Doppelzimmer gebucht. Auf demselben Flur, direkt gegenüber.
Und während wir uns fragen, ob Matti von der Glorer Hütte schon losgelaufen ist, steht er plötzlich neben uns. Wie geht das? Wir sind doch erst 5 Minuten hier. Unklar, aber schön 🙂
Nach einem kurzen Abstecher im Supermarkt (MPREIS) lassen wir den Abend gemütlich ausklingen. Die Jungs gehen in die Sauna, anschließend schauen wir gemeinsam Fußball. Heute läuft das EM-Spiel Portugal gegen Spanien, der vielleicht letzte Auftritt von Ronaldo?

Was auch immer die Zukunft bringt: Unsere startet morgen. Die 5. Etappe der Alpenüberquerung steht an, bei der du hoffentlich wieder dabei bist.
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