Da sind wir wieder! Und du offenbar auch. Schön, dass du lesend mit dabei bist. Es ist der fünfte Tag unserer Alpenüberquerung. Wir sind in Kals am Großglockner und stehen, wie es sich gehört, gut gelaunt an der Bushaltestelle 😉

Unsere heutige Bergtour startet in Sankt Jakob in Defereggen. Wir haben aber keine Lust, die 30 km bis dorthin öde durch Täler zu marschieren. Deshalb der motorisierte Weg über die Straße, den wir, abenteuerlich wie wir sind, nicht mit dem Wanderbus, sondern mit dem normalen Linienverkehr bestreiten. Ein Hoch auf den Verkehrsverbund Tirol.
Die passende Verbindung habe ich gestern Abend recherchiert. Auf halber Strecke liegt ein Umstieg vor uns, der mit nur drei Minuten Puffer Potenzial zum Scheitern hat.

Und falls du dich jetzt fragst: Wozu postet Thomas einen Busfahrplan auf seinem Blog? Nun ja, es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche willst du zuerst hören? Die Gute? Okay. Ja, wir haben den Umstieg geschafft. Die Schlechte? Kaum fährt der Bus los, klingelt bei Robert das Telefon. Eine Dame vom Hotel ist dran:
»Wir haben ein schwarzes Portemonnaie im Frühstücksraum gefunden. Gehört es Ihnen?«
Tut es. Glück im Unglück?
Ja. Denn zurück zum Fahrplan: Der Teufel steckt in der rechten Spalte. Der nächste Bus fährt erst in drei Stunden 🙁
Doch Robert nimmt es sportlich, unterwirft sich seinem Schicksal, steigt aus und kehrt alleine zurück ins Hotel. Matti, Mario und ich treten die heutige Tour ohne ihn an.
Start bei den Bergbahnen in St. Jakob
Nachdem wir im Defereggental angekommen sind, offenbart uns Matti, dass er eigentlich noch ein wenig arbeiten muss. Als digitaler Nomade hat er stets seinen Laptop dabei: auch bei der Alpenüberquerung. Und damit zieht er sich ins Alpinhotel Jesacherhof zurück.
»Geht schonmal vor, ich komme nach«
Den Spruch kennen wir schon! Direkt neben dem Hotel liegt die Seilbahn: Wir ahnen also, welcher Cheat die Lösung sein wird.
Mario hat in der Zwischenzeit die Deals vom Sport 2000 im Blick. Im 2. Obergeschoss gibt es Unmengen reduzierter Outdoorbekleidung. Der übliche Sommerschlussverkauf. Die Auswahl ist riesig, am Ende gönnt er sich eine wirklich schöne Wanderhose.
Die Zeit verfliegt. Wir entschließen uns für den bequemen Weg und steigen in die milkafarbene Doppelmayr Kabinenbahn, um ein wenig Höhenmeter einzusparen.

Und dann, kurz vor der Ankunft an der Brunnalm trauen wir unseren Augen kaum.

Das ist doch Matti! »Hey, Matti. Was machst du denn hier?«

So schnell sind wir wieder vereint, zwar ohne Robert, dafür aber im Sessellift chillig unterwegs hinauf zum Mooserberg, auf 2.373 m Höhe.

Wanderung zum Großen Degenhorn
Direkt neben der Bergstation liegt die Mooseralm. Hier startet unsere heutige Wanderung auf das Große Degenhorn (2.946 m), eine der beliebtesten Touren in den Villgratner Bergen.
Wie üblich, sind wir ganz allein unterwegs.

Okay, fast allein. Denn es pfeifen und zischen ständig die Murmeltiere an uns vorbei.

Falls du wieder nur am Smartphone mitlesen solltest: Hier, ich hab für dich nochmal auf das kleine Kerlchen rangezoomt:

Viel mehr gab es auf der Strecke auch nicht zu sehen. Es gleicht alles eher einer Geröllwüste, die ein schmaler Pfad durchtrennt.

Die Stimmung ist trotzdem prächtig, wobei das schlechte Gewissen, Robert allein zurückgelassen zu haben, natürlich präsent ist.

Nach zwei Stunden ohne nennenswerte Höhenmeter beginnt nun allmählich der Anstieg.

Wir blicken hinab zum Degenhornsee. Das Große Degenhorn liegt genau vor uns.

Doch so schnell, wie wir dachten, sind wir nicht am Gipfel. Wir müssen erst ganz hinunter zum Degenhornsee steigen; und auf der anderen Seite wieder nach oben. 45 min „Umweg“. Da kommen also die Höhenmeter her.


Ab hier beginnen dann ein paar „anspruchsvollere“ Kletterpassagen.

Ein schmaler Grat erfordert kurzzeitig die volle Konzentration.

Mit Ruhe und Gelassenheit erreichen wir 15 Uhr den Gipfel des Großen Degenhorns. Wir sind damit fast auf 3.000 m Höhe. Cool!

„Gott schütze die Jugend“, steht als Aufschrift am Gipfelkreuz vom 18.09.1983. Ein schöner und traditionsbewusster Gruß an das Villgratental.
Wir legen erstmal eine großzügige Pause ein.

Vom Gipfel hat man ein herrliches 360-Grad-Panorama: Was natürlich auf Fotos wieder nicht so richtig rüberkommt.

Mario trägt sich in der Zwischenzeit ins Gipfelbuch ein, schließlich markiert er den höchsten Punkt unserer gesamten Alpenüberquerung. Damit Robert nicht länger warten muss, treten wir nach 45 min den Abstieg an.
Abstieg zur Oberstalleralm
Nach rund 20 min auf grobem Fels und Schotter …

… kehren wir zurück in die grüne Vegetation.

Und Mario trifft auf seine Lieblinge. Servus!


Ankunft an der Oberstalleralm
Nach zwei Stunden erreichen wir die Oberstalleralm, eine historische, denkmalgeschützte Almdorf-Siedlung in Innervillgraten auf 1.864 Metern Höhe.

Wer hier Urlaub macht, den erwartet ein ursprüngliches Almerlebnis: ohne Strom und ohne Handynetz! Die Hütten sind zum Teil sehr einfach ausgestattet: Holzherd, Petroleum- oder Gaslampen, Brunnenwasser und ein traditionelles Plumpsklo.
Wir besichtigen kurz die kleine Schutzengelkapelle …

… und wandern dann zügig weiter, hinab zur Unterstalleralm.

Die Sonne strahlt uns herrlich ins Gesicht.

Abendessen an der Unterstalleralm
Als eine der letzten Gäste des Tages erreichen wir die historische Alm und Jausenstation an der Unterstalleralm.

Die Alm war ganz nett, das Essen aber recht teuer und vom Geschmack her eher mittelmäßig. Das letzte Schnitzel des Tages konnte ich ergattern, für Mario gab es alternativ nur noch Cordon bleu.
Zu klären war jetzt noch, wie wir von hier aus zum eigentlichen Zielort nach Innervillgraten kommen. Die Kellnerin konnte gar nicht glauben, dass wir um die Zeit noch bis ins Tal laufen wollen. „Das sind mindestens noch 1,5 Stunden“, sagte sie.
Mitnehmen kann sie uns leider nicht. Sie ist mit dem Fahrrad da. Ein E-Bike, für 12.000 €, wie sie uns stolz berichtet.
Also machen wir uns zu Fuß auf dem Weg, finden aber nach wenigen Metern die passende Lösung.
Per Anhalter nach Innervillgraten
Ein hilfsbereiter Rentner hat Verständnis für unsere Situation und nimmt uns mit, nachdem wir ihn angesprochen haben. Er kam gerade von einer Vereinssitzung aus der Agrarwirtschaft und ist auf dem Heimweg.

Er lässt uns bei sich daheim raus, die letzten zwei Kilometer laufen wir zu Fuß ins Tal.

Doch schon nach wenigen Meternn hält ein Auto neben uns. Eine Frau macht die Scheibe runter und ruft: „Soll ich euch mitnehmen?“
Die Hilfsbereitschaft in Österreich scheint grenzenlos zu sein. „Sehr gern“, antworten wir. Sie steigt aus und packt die Schulranzen ihrer Kinder vom Sitz. Wir stellen unsere Wanderrucksäcke dazu und ab geht die Fahrt.

Und so sind wir heute nur 12 km gewandert. Ein entspannter Tag, mit Gipfelglück, der am Alpenvereinshaus in Innervillgraten endet, wo wir heute übernachten.
AVS-Bergheim „Friedl Mutschlechner“ in Innervillgraten

Das Verrückte ist: Wir sind die einzigen Gäste. Wir haben das gesamte Alpenvereinshaus für uns allein!


Es kann das gesamte Haus (42 Schlafplätze), das Zimmerlager (14 Schlafplätze) oder das Gruppenlager (28 Schlafplätze) zu einem Pauschalpreis gebucht werden. Man muss dafür kein Alpenvereinsmitglied sein. Wir haben für die 14 Schlafplätze, von denen wir nur vier benötigen, rund 180 € bezahlt.
Dafür hat jeder von uns sein eigenes Zimmer bekommen. Absoluter Luxus 🙂

Ach und falls du dich fragst, was eigentlich aus Robert geworden ist. Der ist mit dem Bus angereist und hat den Nachmittag auf dem Bonner Höhenweg verbracht.
Und jetzt, am Abend, sitzen wir gemeinsam im Garten und schauen die Fußball-EM auf seinem Smartphone 🙂

Und damit endet Etappe 5. Morgen laufen wir wieder als 4er Gruppe über die Alpen. Sei gespannt wie es weitergeht 🙂
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