Vier Stunden Arbeitsweg täglich, seit neun Jahren. Klingt verrückt? Durchaus. Was ich im Zug über Fotografie gelernt habe, erzähle ich Dir in diesem Beitrag. Also legen wir zügig los.

Jeden Abend durchgrase ich meine Abo-Liste. Download YouTube Videos as MP4, heißt das Add-on, was dafür sorgt, dass ich die Videos offline im Zug schauen kann. Und ich habe sie alle gesehen, lückenlos.

Zeit, die ich mir sonst nicht genommen hätte

Ich kenne noch die Anfänge der etablierten Fotografie-YouTuber. Bei Calvin Hollywood bestand nicht jedes zweite Wort aus »Business«. Es waren Zeiten, in denen Benjamin Jaworskyj noch nicht umstritten war und Stephan Wiesner mehr Yongnuo-Blitze als Follower hatte.

Edutainment ist eine tolle Sache und ich bedanke mich bei allen Menschen, die Ihr Wissen teilen. Was schafft man sonst noch in 3900 Stunden Zugfahrt? Eine Menge. Ich habe 191 Lern-DVDs von Video2Brain gesehen. Es hat mich im Umgang mit Photoshop und den Grundlagen der Fotografie enorm weitergebracht. Und wenn mir der Bildschirm nach langen Bürotagen zu flimmrig war, bin ich auf analoge Texte umgestiegen: Papier also. Kennt das noch jemand? Ich habe zig Bücher gelesen und Foto-Zeitschriften förmlich verschlungen. Heute gestalte ich mit der GO! sogar ein eigenes Magazin mit.

Fleiß zahlt sich aus

Wie immer gilt: dranbleiben, und zwar regelmäßig. Nutze Deine freie Zeit zur aktiven Weiterbildung. Zieh Dir Lern-Videos oder Hörbücher auf Dein Smartphone. Nutze die scheinbar tote Zeit im Auto, im Zug oder beim Shoppen deiner Freundin. Statt mit den Kollegen in der Kantine zu versacken, könntest Du die Mittagspause produktiv verbringen. Oder steh jeden Tag eine Stunde eher auf, falls Du der Typ dafür bist.

Zu viel konsumiert, zu wenig produziert

Theoretisch müsste ich einer der besten Fotografen sein. Praktisch bin ich aber nur der, dessen Text Du gerade liest.

Pendler - Bloggen im Zug

Mein Fehler war zu wenig von dem umzusetzen, was ich konsumiert habe. Wer das Fotografieren lernen will muss fotografieren. Klingt banal, ist aber so. Genau das ist mein Tipp für Dich. Nimm das Wissen nicht nur auf, setze es um! Such dir konkrete Projekte.

Du willst in die Portraitfotografie einsteigen? Dann fotografiere doch die Menschen in deinem privaten Umfeld. Ich habe das z.B. bei meinem Projekt Freund-des-Kreis gemacht. Du willst Dich als Landschaftsfotograf verbessern? Dann nutze die passende Lichtsituation, plane deine Zielfotos und vergiss die Ausreden. Stell dir z.B. im Urlaub den Wecker und fotografiere täglich den Sonnenaufgang.

Teile Dein Wissen! Wenn du anderen das Fotografieren erklärst, wirst Du merken, was Du selbst nicht verstanden hast. Wie wäre es mit einem eigenen Blog? Technisch gibt es kaum noch Hürden.

Gut für den Blog, schlecht für die Familie

Kommen wir zum Fazit. Ich habe viel gelernt, aber Pendeln ist teuer. Ich habe fast 25.000 EUR für Bahntickets investiert. Und Pendeln ist Stress. Wie oft bin ich nach dem Zug gerannt. Wie viele Stunden habe ich mit Verspätungen gekämpft. Wie oft war ich von Streiks und Bauarbeiten betroffen: Wochen, Monate. Das alles hat Spuren hinterlassen. Und sie werden immer größer, die Füße meiner Kinder wachsen. Ab sofort bin ich mehr für die Familie da. Ich habe meinen Job gekündigt und arbeite (erstmalig) in meiner Heimatstadt. Heute war meine letzte Fahrt im Zug.

Letzte Fahrt im Zug