Wer im letzten Jahr unsere Alpenüberquerung verfolgt und sich eine Fortsetzung gewünscht hat: Hier ist sie!
Gleiches Team, anderer Ethanol-Anteil. Statt E5 gibt es diesmal E10. Den europäischen Fernwanderweg E10, über die Ostalpen. Unser Ziel: vom Königssee bei Berchtesgaden bis zu den Drei Zinnen in den Dolomiten. Deutschland → Österreich → Italien.
Kommst du wieder (lesend) mit?
Die Anreise: Deutsche Bahn in Bestform
Die Reise beginnt um 06:38 Uhr am Hauptbahnhof in Halle (Saale). Allerdings nicht mit dem Zug, sondern mit einer E-Mail der Deutschen Bahn.
»Vielen Dank, dass Sie sich für eine BahnCard entschieden haben. Im Anhang finden Sie die Rechnung.«
Hä? Meine Probe-BahnCard wurde soeben in ein echtes einjähriges Abo umgewandelt? Oh nein! Mein Ticket habe ich doch schon vor zwei Monaten gekauft und offenbar vergessen, die Probe-BahnCard zu kündigen. Nun habe ich einen Jahresvertrag am Hals. Wie ärgerlich.
Schlechter Start. Aber sei’s drum.
Dann flattert eine zweite Mail herein: Verspätung +10 Minuten für meinen Zug nach München. Fängt ja gut an. Aber alles noch im Rahmen, denke ich.
Als ich dann am Gleis 6 auf die Anzeigetafel blicke, fällt mir allerdings auf, dass gleich drei Züge hintereinander verspätet einfahren – und alle nach München fahren. Soll ich mir jetzt einen aussuchen?

Aus den +10 Minuten sind mittlerweile +17 geworden.
Bei gerade einmal 16 Minuten Umsteigezeit in München ist nun langsam der gesamte Reiseplan in Gefahr. Doch dann fährt mein ICE-Sprinter 1501 ein. Ich stürme den Wagen 27 und finde tatsächlich noch einen freien Sitzplatz am Fenster.
Perfekt!

Nur bewegt sich der Zug keinen Meter vom Fleck.
+30 Minuten.
+33 Minuten.
[…]

Der ICE steht noch immer. Nach mittlerweile 34 Minuten Verspätung und einem zwischenzeitlichen Stromausfall kommt schließlich die Durchsage:
»Wer es eilig hat, kann auf dem Gleis gegenüber in den ICE 701 nach München umsteigen. Die Weiterfahrt dieses Zuges ist ungewiss.«
Ich steige aus und am Gleis 7 gegenüber in den anderen ICE ein. Der ist zwar kein Sprinter, aber was soll’s.

Kaum sitze ich drin, fährt der ursprüngliche ICE-Sprinter auf Gleis 6 plötzlich doch los.
Natürlich!
Jetzt sitze ich im Bummelzug nach München und verpasse damit endgültig meinen Anschluss nach Salzburg – und damit auch meine Wandergruppe: Denn die Alpenüberquerung machen wir zu viert.
Mit einer Stunde Verspätung erreiche ich schließlich München. Dort entdecke ich noch einen alternativen Railjet nach Budapest, der über Salzburg fährt. Doch mir bleiben nur vier Minuten zum Umsteigen.
In einem rekordreifen Sprint auf einem Korridor von ungefähr 30 Zentimetern zwischen Gepäcktransport und Gleis schaffe ich es mit meinem vollbepackten Wanderrucksack tatsächlich noch in den Zug.

Als ehemaliger Berufspendler mit mehr als 3.900 Stunden im Zug: alles Routine. 😄
Von Salzburg zum Königssee
Auch die drei Minuten Umsteigezeit in Salzburg passen irgendwie ins Gesamtkonzept: Treppe runter, Sprint über den Südtiroler Platz und weiter zur Außenhaltestelle am Bussteig J.
„Easy“, geschafft.

Die kommende Stunde verbringe ich auf harten Plastikstühlen im Bus 840, der mich von Salzburg nach Schönau am Königssee bringt.
Und auch dort wird es noch einmal spannend. Denn vom Bus geht es mit dem Schiff weiter und mir bleiben insgesamt gerade einmal zehn Minuten, um zum Schiffsanleger zu kommen. Das 14:30-Uhr-Boot darf ich keinesfalls verpassen. Denn das nächste ist bereits ausgebucht.

Ankunft am Königssee
Was sich inzwischen deutlich bemerkbar macht, ist mein Magen. Gegessen habe ich heute noch nichts. Das Bistro im ICE hatte aufgrund der Verspätungen geschlossen, weil kein Personal mehr an Bord war. In München war natürlich keine Zeit, beim Bäcker anzuhalten.
Und auch jetzt am Königssee ist der Kaiserschmarrn To Go zwar ausgesprochen verlockend, aber zeitlich ebenfalls nicht drin.

Um 14:21 Uhr kaufe ich mein Ticket. Das Boot nach St. Bartholomä steht bereits abfahrbereit am Steg.
Na dann: nichts wie rein.

Überfahrt nach St. Bartholomä
Das hübsche Boot trägt den Namen „Hoher Göll“, stammt aus dem Jahr 1989 und fährt rein elektrisch. Anders als das Foto vielleicht suggeriert, trügt die Idylle allerdings ein wenig.
Es ist rammlig. Das Boot ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. 95 Personen sind an Bord.

Die Überfahrt nach St. Bartholomä dauert rund eine Stunde und ist sehr kurzweilig. Unterwegs gibt es jede Menge Informationen über den Königssee und die umliegende Landschaft. Unter anderem zeigt uns der „Zugbegleiter vom Boot“, wie nennt man den eigentlich? Du weißt, wen ich meine. Den, der über das Mikrofon die ganze Zeit interessante Geschichten erzählt.
Zum Beispiel von dem Berg Richtung Berchtesgaden, auf den er gerade zeigt und der wie eine schlafende Hexe aussieht, die auf dem Rücken liegt. Oder von dem schweren Bootsunglück aus dem Jahr 1688 mit einem Pilgerfloß auf dem Königssee, bei dem leider 71 Menschen ums Leben kamen.
Der Königssee ist an dieser Stelle bereits rund 100 Meter tief. Besonders betont wird natürlich auch die außergewöhnliche Sauberkeit und Trinkwasserqualität des Sees.
Etwa auf halber Strecke wird dann noch kräftig ins Horn geblasen, um das beeindruckende Echo an den Felsen zu demonstrieren.
Da ich die Tour bereits 2018 gemacht habe, wusste ich ziemlich genau, was mich erwartet.
Schön ist es trotzdem.
Doch genug der langen Vorrede.
Jetzt kommen wir zum eigentlichen Thema!
Start der Alpenüberquerung E10 in St. Bartholomä
Zusammen mit drei Freunden startet heute unsere zweite Alpenüberquerung. Mit dabei ist wieder mein alter Schulfreund Robert und sein Cousin Matti. Beide kennt ihr vielleicht noch von unserer Alpenüberquerung auf dem E5.
Nur Dirk ist diesmal nicht am Start. Dafür ist Mario neu im Team. Hi! 👋

Und da die Jungs inzwischen bereits über eine Stunde auf mich gewartet haben, wird es höchste Zeit für den Start.
Es geht zügig los. So zügig, dass mir nicht einmal mehr Zeit bleibt, auf kurze Hosen umzusatteln.
Sei’s drum.
In der Hektik des Aufbruchs habe ich sogar vergessen, noch Fotos von der Schloss- und Wallfahrtskirche St. Bartholomä zu machen. Du bekommst sie daher auf meinen Bildern nur noch im Hintergrund zu sehen.

E10 Etappe 1: Aufstieg zum Kärlingerhaus
Die erste Etappe unserer Alpenüberquerung auf dem E10 führt uns von St. Bartholomä am Königssee zum Kärlingerhaus. Dort werden wir heute übernachten.
Knapp fünf Stunden Gehzeit stehen auf dem Programm – nach der langen Anreise mit der Bahn eigentlich genau das richtige Pensum für den ersten Tag. Der Weg führt zunächst am Königssee entlang, bevor es steil bergauf durch den Wald geht. Das Highlight des Aufstiegs ist die Saugasse mit ihren 31 Serpentinen. Anschließend geht es hinauf auf das Steinerne Meer.

Aufstieg durch die Saugasse
Bevor wir die rund 1.200 Höhenmeter in Angriff nehmen, muss ich kurz innehalten und noch einmal den herrlichen Blick über den smaragdgrünen Königssee genießen. Und natürlich muss Matti als Motiv im Vordergrund platziert werden.
Mit seinem orangenen Rucksack war er schon auf dem E5 eines meiner Lieblingsmotive.

Dann folgen wir dem schmalen Wanderweg entlang des Sees, direkt unterhalb der steilen Felswände.

Wir gewinnen schnell an Höhe und können den Königssee noch ein letztes Mal zwischen den Bäumen hindurch sehen.

Kurz darauf stehen wir mitten in den Felsen.
Die sind inzwischen so riesig, dass Matti und Robert kaum noch zu sehen sind.

Mario dagegen prescht schon hemmungslos voraus. Für ihn ist es die erste große Mehrtagestour und offensichtlich hat er ordentlich Energie geladen.
Matti und ich lassen es auf dem losen Geröll etwas ruhiger angehen.

Und der Weg zieht sich.
Hinter jeder Kehre vermuten wir das Etappenziel. Aber immer wieder kommt nur die nächste Kehre.
Und dahinter?
Natürlich die nächste Kehre. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Doch irgendwann liegt es tatsächlich vor uns:
Es ist 18:56 Uhr, als das Kärlingerhaus endlich in Sichtweite liegt.

Check-in im Kärlingerhaus
Schnell beziehen wir unser Vierbettzimmer mit Doppelstockbetten, das Robert bereits sechs Monate im Voraus reserviert hat.
Die Aussicht ist sensationell!

Das Kärlingerhaus bietet rund 160 bis 200 Schlafplätze, aufgeteilt auf Mehrbettzimmer und Matratzenlager. Eine rechtzeitige Reservierung ist unbedingt erforderlich, denn die Hütte ist aufgrund ihrer Lage schnell ausgebucht.
Abendessen im Kärlingerhaus
Hungrig, wie wir sind, stürzen wir uns direkt in die Stube zum Abendessen. Zur Auswahl stehen Linsen mit Brot oder Grillhendl mit Kartoffelsalat.
Meine Wahl war sofort klar: Grillhendl!

Super lecker, für‘n Zwanni selten so gut gefuttert.
Dabei muss man bedenken: Alles, was hier oben konsumiert wird, muss irgendwie auf den Berg kommen.
Die Versorgung erfolgt ausschließlich per Hubschrauber. Der kommt immer dienstags. Bezahlt werden 700 Euro für den Start und anschließend 25 Euro pro Minute, was in Summe pro Lieferung ungefähr 1.500 Euro macht.
Aber ja, was tut man nicht alles für diesen herrlichen Ausblick? Von der Terrasse haben wir einen großartigen Blick auf den Funtensee.

Doch viel Zeit zum Genießen bleibt mir nicht. Das Alpenglühen muss fotografiert werden!
Schnell flitze ich hinter das Kärlingerhaus, um die Hütte noch einmal aus der Ferne zu sehen.

Der zahme Hirsch am Kärlingerhaus
Zurück in den Liegestühlen kommt plötzlich Bewegung ins Spiel.
Ein großer Hirsch läuft auf uns zu!
Er scheint an die Menschen gewöhnt zu sein und lässt sich von uns überhaupt nicht beeindrucken.

Während Robert ihn mit dem Handy fotografiert, krame ich schnell wieder die große Kamera heraus. Doch mit dem Weitwinkelobjektiv komme ich nicht nah genug heran. Also nehme ich auch das Handy 😉
Der Hirsch trägt sogar ein Halsband. Scheint also so etwas wie das lokale Haustier zu sein.

Ich verfolge ihn noch eine Weile bis hinter das Haus. Dann taucht er wieder in der Bergwelt ab.
Und wir ins Bett: Denn morgen startet die eigentliche Alpenüberquerung.
Sieben Tage sind wir unterwegs und in den kommenden Blogbeiträgen erfährst du alle Details zu unserer Tour über den E10 – es erwarten dich herrliche Landschaften und natürlich die ein oder anderen Katastrophen unterwegs 😉
In diesem Sinne:
Gute Nacht und bis bald!

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