Luxuriöse Einfachheit. Anders lässt es sich kaum beschreiben: 14 Betten für vier Personen, in einer Selbstversorgerhütte auf rund 1.400 Metern Höhe in Innervillgraten. Jeder von uns hat sein eigenes Zimmer. Doppelstockbetten, so weit das Auge reicht und dazu ein herrlicher Ausblick. Was will man mehr?

Die einzige Bedingung: Wir sollen alles so hinterlassen, wie wir es vorgefunden haben. Besenrein. Ehrensache! Und obwohl wir schon um sieben Uhr aufgestanden sind, trödeln wir noch zwei Stunden herum, als wären die heutigen 20 Kilometer unserer Alpenüberquerung nur ein kleiner Spaziergang.

Innervillgraten – Kalkstein
Zunächst steht ein Ortswechsel im Tal an. Gern hätten wir den Bus nach Kalkstein genommen. Der wäre allerdings schon gegen sechs Uhr gestartet, eine sehr unchristliche Uhrzeit. Und da bis Mittag kein weiterer Bus fährt, bleibt uns nur der Fußweg.
Dass ich den Fahrplan der ÖBB offenbar nur halbherzig studiert habe, wird uns nach 45 Minuten entlang der Asphaltstraße schmerzlich bewusst: Plötzlich fährt die Linie 966 an uns vorbei. Mit ihr hätten wir uns die Hälfte der Strecke sparen können. Ein bisschen ärgerlich ist das schon.

Aber was soll’s. Wir ziehen durch und laufen auch die zweiten 45 Minuten die Straße entlang, stetig und sanft bergauf. Und das zieht sich!

Kalkstein – Pfanntörl
Erst in Kalkstein beginnt die eigentliche Wanderung. Wir folgen dem Weg Nr. 8, der uns durch das idyllische Alfental führt. Grüne Hänge, weite Berglandschaft und Matti, der den Laptop im Rucksack mit sich rumträgt.

Unser erstes Zwischenziel ist das Pfanntörl. Bis dorthin geht es ordentlich bergauf, auf über 2.500 m Höhe.

Und plötzlich sind wir in Italien. Genau hier oben verläuft die Grenze.

Grenzkontrollen gibt es keine. Lediglich ein Trailrunner kreuzt unseren Weg. Wie schon in den vergangenen Tagen begegnen wir auf den Wanderwegen nur sehr selten anderen Menschen. Manchmal fühlt es sich an, als hätten wir die Berge ganz für uns allein.

Alte Grenzanlagen
Dass wir uns dennoch in einer Grenzregion befinden, zeigen die Reste alter Militäranlagen, die wir weiter oben entdecken. Die verfallenen Gebäude liegen zwischen den Felsen und wirken, als hätte sie die Landschaft längst wieder zurückerobert.


Die Anlagen scheinen mit den italienischen Befestigungen zur Sicherung der Nordgrenze in Verbindung zu stehen, die unter dem Namen Alpenwall bekannt sind. Die genaue Geschichte dieser konkreten Gebäude konnten wir vor Ort allerdings nicht klären.

Gern würde ich mehr darüber erfahren. Das wäre ein spannender historischer Exkurs für meinen Blog. Falls du weitere Infos über die Bunker am Pfanntörl hast, schreib es gern in die Kommentare.
Ein wenig bedrückend ist der Anblick schon. Wir wandern hier ganz selbstverständlich über die Grenze, während die verlassenen Gebäude daran erinnern, dass man sich in dieser Gegend vor weniger als hundert Jahren auf mögliche militärische Konflikte vorbereitet hat.

Wanderung zur Bonnerhütte
Doch wir bleiben beim Wandern und freuen uns auf den nächsten Zwischenstopp: Auf der Bonnerhütte wollen wir kräftig einkehren.

Und dann. Wie aus dem Nichts, liegen zum ersten Mal die Dolomiten vor uns. Diese schroffen, unverwechselbaren Felsformationen, die sich deutlich von den grüneren Bergen ringsum abheben.

Und wer genau hinsieht, erkennt in der Ferne sogar das große Ziel unserer Alpenüberquerung: die Drei Zinnen. Mit dem Teleobjektiv des Smartphones lassen sich die markanten Gipfel tatsächlich gut erkennen.

Doch erstmal wird es Zeit für ein verspätetes Mittagessen auf der Bonnerhütte, die wir inzwischen erreicht haben.


Wir werden herzlich begrüßt und bekommen einen gemütlichen Platz im kleinen Holzhaus auf der Terrasse. Die schützt uns vor dem kurzzeitig einsetzenden Regen, über den wir nur lachen können 🙂

Abstieg nach Toblach
Nach der „Mittagspause“ geht es weiter. Inzwischen ist es 16 Uhr. Weg Nr. 5 führt uns in Serpentinen durch das Silvestertal. Unterwegs treffen wir auf Marios Lieblinge:

Mittlerweile haben wir 1.320 Höhenmeter im Aufstieg und 1.107 Höhenmeter im Abstieg in den Knochen. Schließlich erreichen wir die Siedlung Kandellen, wo wir in den Wanderbus steigen, der uns hinunter nach Toblach bringt.
Bustransfer nach Toblach – ins Innerfeldtal
Nachdem der Busfahrer die Tür gefühlt 14-mal auf- und wieder zugemacht hat, irgendetwas scheint zu klemmen, erreichen wir den Busbahnhof in Toblach. Für den nächsten Bus haben wir knapp fünf Minuten Umsteigezeit. Also sprinten wir zum Eurospin-Discounter, der direkt gegenüber liegt, um unsere Vorräte aufzufüllen.
Doch in der Kürze der Zeit kann ich mich nicht entscheiden. Schokoriegel? Brötchen? Würstchen? Egal. Ich verlasse mich darauf, dass wir in der Dreischusterhütte gleich ein herrliches Abendessen bekommen werden. Rückblickend betrachtet: eine zu optimistische Annahme.
Aufstieg zur Dreischusterhütte
Ein letzter Anstieg liegt noch vor uns: 5,4 Kilometer mit entspannten 370 Höhenmetern.



Nach knapp 90 Minuten erreichen wir die Dreischusterhütte.

Wir freuen uns riesig auf ein deftiges Abendessen. Schließlich sind wir seit mehr als zehn Stunden unterwegs. Robert hat Halbpension gebucht, doch begrüßt werden wir mit den Worten:
»Die Küche hat leider schon geschlossen.«
Oh nein! Um 19 Uhr war Schluss. Immerhin bekommen wir noch einen mittelprächtigen Apfelstrudel und eine dafür sehenswerte Wurst- und Käseplatte serviert. Es ist nicht das Festmahl, das wir uns ausgemalt hatten, aber besser als nichts.

Und dann kommt die nächste Überraschung. Wir hatten ein Vierbettzimmer gebucht, doch ein solches Zimmer gibt es in der Dreischusterhütte gar nicht. Es gibt nur Fünf- und Sechsbettzimmer. Die sind aber alle belegt. Übrig bleibt nur das Matratzenlager mit 11 Betten.
„Aber es sind nur drei Betten belegt, zwei davon sind Bergführer“, erklärt uns der Hüttenwirt.
Na gut. Was bleibt uns anderes übrig? Immerhin haben wir dadurch mehr Platz und zahlen weniger. Doch als wir im Zimmer ankommen, sind dort deutlich mehr als die angekündigten drei Betten belegt. Wir treffen auf zwei Chinesen, die offenbar im falschen Zimmer gelandet sind.
Robert spricht sie direkt an. Als einer der beiden seinen Schlüssel zeigt, auf dem Zimmer 17 steht, reagiert Robert clever: Er bietet den beiden an, einfach das Zimmer zu tauschen. Robert schnappt sich den Schlüssel und plötzlich haben wir ein komplettes Fünfbettzimmer für uns allein.

Nach der luxuriösen Unterkunft am Morgen ist das also unser zweites unerwartetes Upgrade des Tages. Wir lassen den Abend entspannt ausklingen, denn morgen steht das große Finale unserer Alpenüberquerung an: Es geht hinauf zu den Drei Zinnen!

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