Du bist (bald) im Berchtesgadener Land und fragst dich, was du foto­gra­fie­ren soll­test?

Dann geht es dir viel­leicht wie mir: Ich bin Familienvater. Meine Zeit zum Fotografieren ist begrenzt. Sie kon­kur­riert zwi­schen »Ich bring noch schnell die Kinder ins Bett« und dem nahen­den Sonnenuntergang. Wenn ich dann los darf, ist die Fahrt zum Fotospot so ent­spannt wie der Weg zur Arbeit in einer japa­ni­schen Großmetropole. Es geht um jede Minute! Ich habe kei­ne Zeit für die Suche nach einem pas­sen­den Motiv. Ich habe nicht mal Zeit mich zu fra­gen, ob Berchtesgaden hoch­deutsch nicht Berg-des-Garten hei­ßen müss­te. Ich bin getrie­ben vom Erfolgsdruck. Ich möch­te einer Handvoll Instagram-Followern zei­gen was für ein unfass­bar guter Fotograf ich bin 😉

Was liegt da näher, als ein­fach die Top-Fotospots im Berchtesgadener Land abzu­klap­pern. Du kennst sie sicher (alle) aus den sozia­len Netzwerken: tau­send­fach foto­gra­fiert, abge­dro­schen; aber geil. Also nimm sie doch mit, wenn du in der Nähe bist. Du brauchst dich dafür nicht schä­men. Ich stel­le sie dir »kurz« vor. (Sorry, mei­ne Beiträge sind nie kurz)

Das Bootshaus am Obersee

Bootshaus am Obersee

Nikon D800, Nikkor 24-70 mm f/2.8 bei 32 mm, f/5.6, 1/500 sec., ISO 100

Ein ech­ter Klassiker liegt am Obersee: Es ist das wohl am meis­ten foto­gra­fier­te Bootshaus der Welt. Da ich im Frühling da war, habe ich es durch die Blume foto­gra­fiert. Der Fokus liegt mit Absicht auf den Blüten, weil ich das Bootshaus schon viel zu oft gese­hen habe. Und eigent­lich has­se ich ja sol­che aus­ge­lutsch­ten Fotospots, was ich in die­sem Blogbeitrag aber nie­mals zuge­ben wür­de 😉

Wie kommt man zum Obersee?

Der Obersee liegt idyl­lisch ein­ge­bet­tet am süd­li­chen Ende des Königssees. Und ein­ge­bet­tet ist hier wört­lich gemeint, denn zu Fuß kommt man nicht wirk­lich hin. Es sei denn der Weg ist das Ziel. Dann musst du eine anspruchs­vol­le, 10-stündige Wanderung über die Berge in Kauf neh­men. Und auch wie­der zurück, denn Übernachtungsmöglichkeiten gibt es am Obersee lei­der kei­ne, weder auf der Saletalm noch der Fischunkelalm.

Im Winter kann man Glück haben. Etwa alle 10 Jahre ist der Königssee gefro­ren (zuletzt 2006). Dann kann man gemüt­lich über den Königssee zum Obersee wan­dern.

Ansonsten bleibt die Bootsfahrt die ein­zi­ge Option. Sie dau­ert 55 Minuten und kos­tet 18,50 € pro Person. Leider sind die Fahrtzeiten abseits der span­nen­den Lichtverhältnisse. Mit dem ers­ten Boot des Sommerfahrplans erreicht man erst gegen 9 Uhr die Endstation Salet (Achtung: Salet wird in der Regel von Mitte Oktober bis Mitte April nicht ange­fah­ren). Ab Salet läuft man gemüt­li­che 10 Minuten zum Obersee und erreicht direkt das Bootshaus. Leider viel zu spät für den Sonnenaufgang. Das letz­te Boot geht zwi­schen 17-18 Uhr zurück, was wie­der­um zu früh für den Sonnenuntergang ist.

Für durch­ge­knall­te Fotografen wie mich wäre die Notrettung noch eine Option. Verpasst man das letz­te Boot, kann man sich für 250 EUR abho­len las­sen. Es kommt dann ein extra Boot, was bis zu 25 Personen mit­nimmt. Also lasst euch als Gruppe ret­ten, dann ist es preis­lich fast schon ein guter Deal 😉

Der Hintersee bei Ramsau

Wer gern in Gesellschaft foto­gra­fiert, für den ist der Hintersee bei Ramsau der per­fek­te Ort. Zum Sonnenuntergang tum­meln sich hier mas­sen­haft Fotografen am Ufer und rui­nie­ren sich gegen­sei­tig das Foto, weil das ver­rü­cken der Stative im Wasser jede Spiegelung zur ech­ten Herausforderung macht. Selbst an einem völ­lig grau­en Morgen habe ich hier um 5 Uhr (nach dem Männertag!) zwei Fotografen getrof­fen. Grüße an Mathias und den net­ten Kollegen aus Israel, der sein Hotel direkt am Hintersee gebucht hat. Eine kur­ze Anreise ist Gold wert! Leider hat er in Hintersee (Österreich) gebucht, eine gute Autostunde ent­fernt. Es darf gelacht wer­den 🙂

Der Hintersee ist ein wirk­lich schö­ner Spot zum Sonnenaufgang. Dann scheint die Sonne von links über die fla­chen Berge ins Bild und strahlt die Steine im Wasser seit­lich an. Dazu noch Nebel und das Foto ist per­fekt: War mir lei­der nicht gegönnt 🙁 Alternativ geht auch der Sonnenuntergang, wobei die Sonne durch die hohen Berge deut­lich eher ver­schwin­det. Hier muss man ent­spre­chend zei­tig vor Sonnenuntergang vor Ort sein. Nichts für Väter, die Ihre Kinder ins Bett brin­gen müs­sen wol­len.

Hintersee - Milchstraße

Nikon D800, Nikkor 20 mm f/1.8, f/2.0, 20 sec., ISO 2000

Für mein Zielfoto war ich in der Nacht unter­wegs, weil mir bis­her noch kei­ne Milchstraßen-Fotos vom Hintersee über den Instagram-Feed gerollt sind. Die Idee hat­te Steven, der mir auf Instagram folgt. Er hat zufäl­lig in mei­ner Story gese­hen hat, dass ich im Berchtesgadener Land unter­wegs bin und mich ange­schrie­ben. Also haben wir uns 2 Uhr am Hintersee getrof­fen, mit licht­star­ken Objektiven bewaff­net.

Übrigens: Die Szenerie ist erstaun­lich groß und selbst mit mei­nem 20-mm-Ultraweitwinkel konn­te ich nicht alles in einem Foto ein­fan­gen. Das Bild oben ist als Panorama aus 16 Einzelaufnahmen ent­stan­den. Perfekt ist das Foto lei­der nicht. Für die Milchstraße über dem See hät­te ich noch eine sepa­ra­te Fokusebene gebraucht, aber hin­ter­her ist man immer schlau­er. Darum heißt er ja auch Hintersee 😉

So rich­tig milch­stra­ßen­taug­lich ist der Spot ohne­hin nicht. Die Berge sind ver­dammt hoch und das Zentrum der Milchstraße war in die­ser Zeit (Mai 2018) dahin­ter ver­deckt. Noch dazu ist die Uferpromenade über­ra­schend hell beleuch­tet. Die grel­len LEDs sor­gen dafür, dass die Bäume hell­grün leuch­ten. Man hät­te das „Problem“ natür­lich mit einer getrenn­ten Belichtung zwi­schen Vordergrund und Hintergrund lösen kön­nen, aber die Faulheit hat gesiegt. Außerdem ist grün die Farbe der Hoffnung 🙂

Die Pfarrkirche St. Sebastian in Ramsau

Pfarrkirche St. Sebastian in Ramsau

Nikon D800, Nikkor 24-70 mm f/2.8 bei 50 mm, f/4, 30 sec., ISO 100

Wer kei­ne Lust auf Seen hat, fin­det im Berchtesgadener Land eine Vielzahl hüb­scher Kirchen und Kapellen. Wo ist da eigent­lich der Unterschied?

Wer auf dem Rückweg vom Hintersee ist und nach Berchtesgaden fährt, kommt in Ramsau vor­bei. Die Pfarrkirche St. Sebastian ist ein typi­sches Postkartenmotiv. Man sieht sie über­all. *gähn*. Verzweiflungsbedingt habe ich den­noch ange­hal­ten und das Motiv mit­ge­nom­men, weil ich ver­geb­lich zum Sonnenaufgang am Hintersee war: ohne Sonne und Nebel. Leider sieht man die Berge hin­ter der Kirche nicht, die nor­ma­ler­wei­se das Panorama per­fekt machen wür­den. Wie war das mit grün, der Farbe der Hoffnung?

Die Idylle trübt übri­gens. So ein­sam wie es auf dem Foto aus­sieht, steht die Kirche nicht in der Landschaft. Der Effekt ent­steht durch den tie­fen Kamerastandpunkt an der Ramsauer Ache. In Wirklichkeit liegt die Pfarrkirche St. Sebastian direkt an der Hauptstraße, umge­ben von Häusern, aus­ge­bau­ten Wegen und Brücken. Das Making-of-Bild aus der Drohnenperspektive deckt den Schwindel gna­den­los auf.

Pfarrkirche St. Sebastian in Ramsau - Luftbild

Die Kirchleitn Kapelle in Berchtesgaden

Wer beim Lesen noch nicht KAPELLIERT hat – und bei dem schlech­ten Wortwitz noch immer bei Laune ist – für den geht es wei­ter mit der Kirchleitn Kapelle ober­halb von Berchtesgaden (Am Lockstein 1). Es gibt einen klei­nen Schotterparkplatz direkt vor der Kapelle, aller­dings ist die Straße nur für Anlieger frei. Ich weiß immer nicht, ob Fotografieren ein wirk­li­ches Anliegen ist. Geht also lie­ber zu Fuß rauf.

In den Blick »über die Schulter« der Kirchleitn Kapelle habe ich mich sofort ver­liebt. Man blickt direkt auf den Watzmann, was für ein fan­tas­ti­scher Gebirgsstock. Ich lie­be ihn. Um mir ein bes­se­res Bild zu machen (wört­lich gemeint), war ich zunächst mit mei­ner Familie vor Ort und hat­te „zufäl­lig“ mei­ne Sony RX100 dabei.

Kirchleitn Kapelle in Berchtesgaden

Sony RX100 M3, 12 mm, f/5.6, 1/250 sec., ISO 125

Mein Zielfoto soll­te aber zum Sonnenuntergang statt­fin­den: mit dra­ma­ti­schem Himmel, der wie­der so rot glü­hen soll­te, wie die letz­ten 2 Tage, an denen ich den Sonnenuntergang nur durchs Badfenster beob­ach­tet habe, wäh­rend ich mei­ner Tochter die Haare geföhnt habe 😉

Heute soll­te alles anders wer­den! Ich war recht­zei­tig vor Ort, mit der Nikon D800 auf dem Stativ. Und es wur­de auch alles anders, näm­lich ohne Wolken und ohne ech­ten Sonnenuntergang. Ich bin ein ech­ter Pechbird.

Ohne Wolken ret­tet aber meist die blaue Stunde, dach­te ich mir. Leider ist die Kapelle aber nur von der lin­ken Seiten (zur Stadt) beleuch­tet. Das ist ein wenig scha­de und treibt das Gesamtbild eher in die Mittelmäßigkeit. Gemacht habe ich es trotz­dem. Besser wäre gewe­sen, noch ein paar Meter zurück zu gehen und statt­des­sen mit einer län­ge­ren Brennweite zu arbei­ten, damit der Watzmann ein wenig näher rückt. Aber gut […]

Kirchleitn Kapelle in Berchtesgaden zur blauen Stunde

Nikon D800, Nikkor 24-70 mm f/2.8 bei 34 mm, f/4, 30 sec., ISO 100

Die Wallfahrtskirche Maria Gern

Wer von Kirchen und Kapellen noch immer nicht genug bekommt, der soll­te unbe­dingt nach Maria Gern zur Wallfahrskirche fah­ren. Den Weg fin­det ihr pro­blem­los bei Google Maps. Zum Sonnenuntergang glü­hen hier oft die Gipfel rund um den Watzmann (zwei­höchs­ter Berg Deutschlands). Aber wie schon gesagt: für mich sind Sonnenuntergänge im Urlaub immer schwer erreich­bar. Aber die blaue Stunde bie­tet sich an. Besonders wenn man ein paar Leuchtspuren der Autoscheinwerfen im Bild hat.

Wallfahrtskirche Maria Gern

Nikon D800, Nikkor 24-70 mm f/2.8 bei 55 mm, f/18, 20 sec., ISO 100

Ich hat­te mich hier von einem Foto von Robin K. Photography inspi­rie­ren las­sen. Leider sor­gen die belaub­ten Bäume im Frühling aber dafür, dass das Lichtband unter­bro­chen wird. Das klappt im Herbst oder Winter deut­lich bes­ser.

Für die­ses Foto bin ich übri­gens selbst ins Auto gestie­gen. Wichtig ist, das man eher mit­tig bzw. links fährt. Hält man sich an die Verkehrsregeln (*gähn*) und fährt rechts, ist die Lichtspur deut­lich unspan­nen­der, weil sie wie ein dün­ner Faden über der Leitplanke klebt.

Deutlich ver­brei­te­ter ist die Version mit roten Rückleuchte, die ich natür­lich auch gemacht habe. Aber die Frontscheinwerfer bil­den für mich den unauf­dring­li­che­ren Gesamtkontrast zur wei­ßen Kirche. Obwohl das Timing mit dem Selbstauslöser deut­lich schwe­rer ist, weil man erst aus dem Bild fah­ren muss, um dann pass­ge­nau wie­der ein­zu­fah­ren. Ich habe laut mit­ge­zählt, 28-29-30, um aus dem Bild zu fah­ren, (Serienfoto mit 3 Aufnahmen), dann 30 Sekunden gewar­tet, um anschlie­ßend wie­der ins Bild rein­zu­fah­ren.

Im Luftbild sieht man übri­gens den Grund, war­um die Kirche immer links am Bildrand plat­ziert wird. Direkt dane­ben befin­det sich ein Gasthaus und die Freiwillige Feuerwehr. Zudem par­ken oft Autos direkt vor der Wallfahrtskirche. Wie unro­man­tisch.

maria gern - luftbild

Man sieht auch gut, dass das Gebirge um den Watzmann deut­lich wei­ter weg ist, als es mein fina­les Foto ver­mu­ten lässt. Grund ist die Kompression durch das leich­te Tele. In die­sem Fall also lie­ber mit > 50 mm foto­gra­fie­ren und wei­ter weg­ge­hen.

Und sonst so?

Und wenn dir alles zu abge­dro­schen ist, dann wer­de krea­tiv und suche dir eige­ne Fotospots. So wie hier in Schönau am Königssee, als mich nachts 1 Uhr mei­ne Frau aus Angst weck­te: »Ich kann nicht schla­fen, es ist so schreck­lich dun­kel drau­ßen«. Während ich ver­su­che Mitleid zu ent­wi­ckeln, fra­ge ich sie: »Zu dun­kel? Sind Wolken am Himmel zu sehen?«. Dann schaue ich aus dem Fenster: kei­ne Wolken! Ich neh­me sofort mei­ne Kamera und zie­he mich an. Zwei Minuten spä­ter foto­gra­fie­re ich die Milchstraße vor unse­rem Ferienhaus. Die Beziehung mit einem Hobbyfotograf ist für jede Ehefrau eine ech­te Bereicherung 🙂

schönau am Königsee - milchstraße

Und wer sich jetzt noch fragt, was denn nun der Unterschied zwi­schen einer Kirche und eine Kapelle ist, dem sei gesagt. Eine Kapelle ist ein Kirchengebäude, das im Vergleich zu einer nor­ma­len Kirche kei­nen eige­nen Pastor hat. Also ähn­lich wie eine Systemkamera, die auch ohne Spiegel gute Bilder macht 😉

In die­sem Sinne: viel Spaß beim Fotografieren im Berchtesgadener Land. Und ver­giss nicht bei all den abge­dro­sche­nen Fotospots ein wenig Kreativität ein­flie­ßen zu las­sen.