Anreise nach Oberstdorf
Endlich geht’s los! Sechs Monate nach unserer Vorbereitung auf die Alpenüberquerung steigen wir heute in den Regionalzug nach Oberstdorf. Nur […] Tickets haben wir keine.
Mit einem charmanten Lächeln erkläre ich der Zugbegleiterin, dass wir gestern schon angereist sind – das Ticket also quasi noch gültig sei. Sie schaut mich ungläubig an. »Habt ihr kein Ticket?« Dann lächelt sie und sagt: »Ach, egal – ist eh die letzte Haltestelle.«
In Oberstdorf treffen wir Dirk am Busbahnhof – ein Schulfreund, der für drei Tage seinen Familienurlaub in Zams pausiert (bzw. strategisch um uns herum geplant hat). Mit der Bergsteigerlinie 8 fahren wir gemeinsam nach Spielmannsau, dem offiziellen Startpunkt des E5.
Die Tour im Überblick
- Distanz: 16,6 km
- Gehzeit: ca. 6,5 h
- Höhenmeter: ↑ 1.268 m ↓ 1.170 m
Etappe 1: Aufstieg zur Kemptner Hütte
Nach 20 Minuten erreichen wir die Endhaltestelle am Berggasthof Spielmannsau. Der Bus war voll bis unters Dach. Kein Wunder – hier starten alle ihre Wandertour. Wir auch!
Das Wetter könnte besser nicht sein. 25 Grad. Blauer Himmel. Purer Sonnenschein. Und das Ende Juni. Fürs Fotografenherz zwar langweilig (keine Wolken, kein Drama), aber die Kühe lieben’s. Eine fällt mir fast ins Objektiv.
Unser erstes Zwischenziel ist die Kemptner Hütte, laut Schild 2h 45min entfernt. Die knapp 1.000 Höhenmeter gehen wir ganz gemütlich an. Denn unser Team wird noch durch einen vierten Mann verstärkt: den Cousin von Robert. Mit einer weiten Anreise aus Dänemark hat er jedoch eine Stunde Verspätung. Wir laufen schonmal vor. Rein ins Abenteuer, auf in den Urwald.
Der Weg ist abwechslungsreich, schattig und grün. Eine erste Brücke führt uns über den Sperrbach.
Ab hier wird es ein wenig matschig. Eine gute Gelegenheit, die neuen Wanderstöcke auszuprobieren.
Und dann taucht er wie aus dem Nichts auf. Matti, der Cousin von Robert. Mit einem Privat-Taxi und 20 € Motivationsaufschlag hat er sich bis zur Materialseilbahn fahren lassen. Nach einem ultrasportlichen Aufstieg hat er uns nach einer Stunde eingeholt. Ab jetzt geht die Tour zu viert weiter.
Das Gelände wird mit jedem Höhenmeter spürbar felsiger. An einigen Stellen passiert man Wasserfälle. Eine rutschige Angelegenheit. Bitte zwingend auf Trittsicherheit achten!
Das Wetter ist herrlich und Robert hat den Blick fürs Detail. »Hier Thomas, die Blume kannst du mal fotografieren!«

Alpen-Pestwurz, laut Seek-App. Stimmt das?
Kurz nach 12 Uhr überqueren wir das letzte Geröllfeld und bestellen gedanklich schon die Getränke auf der Hütte.
Ankunft auf der Kemptner Hütte
Wenige Minuten später erreichen wir sie, die Kemptner Hütte. Sie liegt auf 1.846m Höhe und wurde 1891 in das romantische Bergpanorama gebaut.
Viele E5-Wanderer haben hier das erste Etappenziel erreicht und übernachten auf der Hütte. Doch wir kehren nur zum Essen ein und ziehen später weiter nach Holzgau.
Bedient werden wir von Sophia, die heute ihren ersten Arbeitstag hat. Es gibt Bier, eine zünftige Brotzeit und für mich Zwetschgenknödel mit Vanillesoße. Göttlich!
Während ich esse, entdeckt Robert die Fußkühlung deluxe: Barfuß auf die Metallplatte unterm Tisch – hygienisch fragwürdig, genussmäßig eine 10/10.
Neben unserem Tisch finden wir einen kleinen Merchandise-Stand, mit coolen E5-T-Shirts. Fairer Preis, aber leider nicht unsere Größe. Während Dirk sie dennoch anprobiert und Sophia bezirzt, ihm weitere Farben zu bringen, ändert es trotzdem nichts daran, dass alles in Größe »italienisch S« ausfällt. Schade!
Grenzen überschreiten – nach Holzgau
Es ist 13 Uhr: Auf nach Holzgau! Drei Stunden Abstieg, vorbei am Mädelejoch. Hier überschreiten wir die Grenze nach Österreich, aber das Grenz-Schild wurde leider geklaut (Instagram trauert).
Doch dafür leuchtet Matti mit seinem orangefarbenen Rucksack wie ein Alpin-Marker. Er wird mein neues Lieblingsmodell! Wo müssen wir nochmal lang?
Stimmt zwar nicht, wir wandern ins Tal nach Holzgau, fürs Titelfoto aber eine super Pose 🙂
Abstecher am Rossgumpen Wasserfall
Nach 2,5 Stunden erreichen wir einen sensationellen Spot, der direkt am Roßgumpenbach liegt. Es sind nur wenige Meter „Umweg“; und ich hätte ihn dennoch verpasst, wenn Robert die Tour nicht so gut geplant hätte. Der Rossgumpen Wasserfall ist eines der Highlights des Tages. Sehr impulsant, der Matti.
Und er lässt es sich nicht nehmen, sogar darin zu baden!
Ein paar Schnapserl später geht’s weiter. Eine Blindschleiche schlängelt sich am Weg entlang.
Es ist 16:55 Uhr, als wir vorm Wanderschild stehen und uns entscheiden müssen: Nehmen wir den langen Weg (60min) der über die Hängebrücke Holzgau führt, oder den kurzen Weg durchs Tal (40min), um es noch pünktlich in den Supermarkt zu schaffen, der in einer Stunde schließt.
Wir stimmen ab, entscheiden uns für die Hängebrücke; und legen einen Zahn zu, um die entscheidenden Minuten rauszuholen!
Schwankend über die Hängebrücke
200 Meter lang. 110 Meter hoch. Und sie schaukelt!
Doch keine Zeit für Höhenangst – wir müssen zum Supermarkt 🙂
Ankunft in Holzgau
17:40 Uhr: Wir erreichen die Pfarrkirche Holzgau und sind fast am Ziel.
Der heilige ADEG-Supermarkt liegt vor uns. Mission erfüllt!
Eingedeckt mit reichlich Vorräten, beziehen wir unser Quartier im Gästehaus Huber.
Wir werden sehr herzlich begrüßt, von Dirk aus Belgien, der hier seit zwei Jahren zur Miete wohnt. Er übernimmt heute die Schlüsselübergabe, weil die Eigentümer zu einem Ausflug in Salzburg unterwegs sind.
Nachdem wir uns zum Abendessen mit Nudeln, Tomatensoße und roten Linsen gestärkt haben, beschließen wir: Der Tag braucht noch einen gebührenden Abschluss. Schließlich ist heute Sommersonnenwende. Der längste Tag des Jahres! Also rein in die Badelatschen und ab ins “Zentrum” von Holzgau.
Die Sache mit der Gaudi
Als wir die Dorf Alm betreten wollen, kommt uns ein waschechter Tiroler in Lederhosen entgegen. Robert zögert keine Sekunde und fragt: »Wo geht’s hier zur Gaudi?«
Er lacht, das Eis ist sofort gebrochen. »Hier gibts ka Gaudi!« Er hat schon das ein oder andere Bier im Tank. Liebevoll bezeichnet er uns als Touristen Terroristen – läd uns aber dennoch auf einen Absacker ein. Fünf Minuten später finden wir uns an einem ungewöhnlichen Ort wieder. In einer echten Feuerwehrwache! Dirk dreht die Musik auf.
„Felicità. È tenersi per mano, andare lontano, la felicità […]“.
Im 80er-Jahre-Fieber hat sich Robert Al Bano & Romina Power gewünscht. Nach zwei Stunden und mehr als 10 geleerten Bierflaschen, wird der Ton ein wenig ruppig. » Bist deppert?« ruft der Feuerwehrmann. Dirk will eigentlich nur ein Glas im Schrank suchen, um sich Cola ins Bier zu mixen. »Naaa! Net da.« Dirk findet es nicht, was ihn noch mehr in Rage treibt. »Du Vollidiot!«, ruft er (liebevoll). Felicità!
Es ist schon 00 Uhr. Geisterstunde. Morgen steht ein langer Wandertag bevor. Wir bedanken uns herzlich für die Einladung und treten den Heimweg an.
Das Grizzly-Ende
Zurück in der Ferienwohnung: Matti schläft sofort ein. Unüberhörbar. Wie ein Grizzly. Robert entscheidet sich notgedrungen für die Couch, um dem Krach zu entkommen. Seine erste Nacht im Hüttenschlafsack.
Ich schlafe in der Ferienwohnung nebenan. Doch das viele Bier hat sich auch bei Dirk bemerkbar gemacht.
Etwa so hat es ausgesehen …
Einen schöneren Ausklang unserer ersten Etappe hätte ich mir nicht erträumen können 🙂
Ausblick
Wenn du bis hierher gelesen hast: Danke! Wenn’s dir gefallen hat, lass mir gern einen Kommentar da.
Wenn du mehr erfahren möchtest: Im zweiten Teil geht’s weiter, von Holzgau zur Memminger Hütte – mit vielen Höhenmetern und reichlich Anekdoten.
2 Kommentare
Schöne Bilder, launiger Kommentar, aufkommender Neid! Man müsste noch mal 20 sein und…..
Gruß Volker
20 wären wir auch gern nochmal :-p