»Dass sie Autoschlüssel hierlassen müssen is klar, oder?«, fragt mich ein wenig seriös anmutender Weißrusse. Ich stehe auf einem abgelegenen Industriegelände in Berlin Schönefeld. 55 EUR für den Flughafenparkplatz, ein fairer Deal. Ob ich mein Auto je wiedersehe? 

Egal: Es geht nach Island! 10 Tage reine Fotografie, ein Traum wird wahr. Zwar ohne meine Familie, aber mit mehrfacher Erlaubnis und verbindlicher Rückkehr, ohne Termin beim Scheidungsanwalt. Mit dabei ist mein Freund Pino, den ich mit dem Fotovirus auf unserer Tour durchs Allgäu so hart angesteckt habe, dass er mir nicht nur auf Facebook folgt, sondern auch nach Island. 

Heute möchte ich ein wenig von unserer Reise erzählen. Und ja, ich werde abschweifen. Ja, der Text wird zu lang werden und nein, es geht nicht ausschließlich um Fotografie. Liest du trotzdem weiter?

Ja, machst du scheinbar. Prima.

Die Anreise

Am Flughafen sind wir die einzigen am Check-In-Schalter von WOW air. Ich stelle meinen Koffer aufs Band und freue mich, dass ich die 20,00 kg bis auf die Zehnerstelle ausgeschöpft habe. »Sie sprechen Deutsch?«, fragt mich ein Mitarbeiter. »Ja, warum?«, antworte ich. »Mit WOW air fliegen sonst nur Polen und Amerikaner auf der Durchreise. Deutsche so gut wie nie: guten Flug«.

Eine Stunde später steigen wir zu den reifen Stewardessen in den Airbus A320. Für meine Körpergröße sind die Sitze deutlich zu eng. Ohne Kinder aber kein Problem, denke ich und lehne mich entspannt zurück. Anflug auf Keflavík: Ein lauter Schrei hallt durch die wenig gefüllte Maschine. Vor uns übergibt sich ein Kind, mehrfach. Der Geruch ist nicht zu hören, es stinkt aber trotzdem zum Kotzen. Urgs.

Es ist 01:55 Uhr deutscher Zeit, als wir das Flugzeug verlassen. Die zwei Stunden Zeitverschiebung auf Island sind spürbar, vor allem, weil ich vorher noch 8 Stunden gearbeitet habe. Urlaubstage sind ein knappes Gut. Eigentlich wollten wir uns die erste Übernachtung sparen und direkt mit dem Mietwagen durchstarten. Spontan habe ich dann aber doch ein Airport-Hotel gebucht. Das Zimmer ist klein, im Bad riecht es nach Schwefel: 126 EUR pro Nacht. Dafür sind die Toastscheiben beim Frühstück inklusive gewesen. Erstklassig.

island airport hotel alex guesthouse

Tag 1

Auf zur Mietwagenstation

Es ist 8 Uhr als wir gut erholt aufwachen. Während meine Kollegen in Deutschland gerade den Beamer im Beratungsraum starten, starte ich in 2500 km Entfernung Google Maps und lasse mich zur Mietwagenstation navigieren. Zu Fuß, es sind nur 500 m.

Die Empfangshalle von Green Motion wirkt modern: Schwarze Ledercouch, 60 Zoll Bildschirm, übertrieben bearbeitete Islandbilder an der Wand. Als meine Mietwagenbuchung nicht gefunden wird, bleibe ich entspannt. Alles was schief geht ist gut für den Blogbeitrag. Die nette Kollegin vom Schreibtisch gegenüber löst das Problem aber schnell. Im gleichen Atemzug versucht sie mir die üblichen Zusatzversicherungen aufzuschwatzen. Doch es prallt an mir ab, wie die Fliegen auf der Windschutzscheibe, die auf der A9 in Massen sterben mussten, weil Pino zu spät bei mir in Halle war und ich den Boarding-Termin am Flughafen nur durch eine drastisch gesteigerte Reisegeschwindigkeit nach Berlin halten konnte. Die Mitarbeiterin von Green Motion interessiert meine Gedanken aber nicht. Sie zieht stattdessen den Kautionsjoker und weißt mich drauf hin, dass sie jetzt 2300 EUR auf meiner Kreditkarte blocken muss. Ich lächle freundlich und schiebe meine VISA-Karte rüber.

Wir bekommen die Schlüssel vom Suzuki Jimny. Der Motor startet und die erste Tour führt uns direkt in die Werkstatt.

island - mietwagen - suzuki jimny

Eine Kontrolllampe blinkt mich bedrohlich an: wir haben zu wenig Luftdruck auf den Reifen. Klar, warum sollte auch irgendwas klappen.

Der Roadtrip durch Island beginnt

Mit 108 vorab geplanten Fotospots haben wir uns einiges vorgenommen. Schon nach den ersten Minuten im Auto wird klar: Island ist eine Anderswelt. Überall Lavasteine, hier und da steigt Rauch auf. Wir sind auf der Bundesstraße 1 und ich muss erstmal aussteigen, um ein Foto zu schießen. Nützt ja nichts.

island fotografieren heiße quellen

Neugierig nähern wir uns den heißen Quellen. Die Temperaturen unter der Erdoberfläche erreichen hier bis zu 200°C. Es zischt und brodelt wie in einem Hexenkessel. Wir sind begeistert: Was für eine außergewöhnliche Landschaft.

Wir erreichen das Geothermalgebiet Seltún im Vulkansystem Krýsuvík auf der Halbinsel Reykjanes. Wer sich die Zunge beim Aussprechen der Ortsnamen bricht, kann sich dennoch visuell an den Solfatarenfeldern erfreuen, denn sie leuchten in den unterschiedlichsten Gelbtönen.

island - seltun

Doch wir sind nur auf der Durchreise. Der Blick auf die Karte zeigt: als nächstes kommt ein Wasserfall, der Faxafoss. Er liegt auf dem Golden Circle, der Standard-Touristen-Route. Da es stark geregnet hat, sind wir aber (vorerst) die einzigen Besucher. Leider ist das Licht sehr langweilig, es gelingen nur Schnappschüsse.

island - faxafoss

Wir fahren weiter und erreichen einen Klassiker: den Geysir. Der Parkplatz ist reichlich gefüllt, daneben wird ein Hotel gebaut, damit die Touristen später nur noch 100 m Fußweg vom Frühstücksraum zum Geysir haben. Über uns kreist eine DJI Phantom, das Drohnenverbotsschild am Eingang hat der nette Kollege aus Fernost gekonnt ignoriert. Der Geysir ist trotzdem beeindruckend. Er bricht alle 10 Minuten aus und schießt gewaltig in die Höhe.

island - geysir

Es sind die Spots, die jeder aus den Medien kennt. Fotografisch reizt es mich nicht. Wer mehr Fotos sehen will, findet unter #geysiriceland tausende Bilder pro Tag auf Instagram.

Ähnlich geht es mir am Gullfoss. Zweifelsfrei ein großartiger Wasserfall, der absolute Wahnsinn. Doch einen Parkplatz finde ich kaum noch. Gefühlt strömen mehr Leute zum Wasserfall, als Wasser durch den Wasserfall strömt. Schöner Zungenbrecher, bitte den Satz 3x laut sprechen 😉

Die Nikon-Kamera lasse ich im Auto und schieße nur ein Erinnerungsfoto mit der geliebten Sony RX100.

island - gullfoss

Ein kleiner Lichtblick

Wir kehren in unser heutiges Hotel ein. Es ist bezaubernd, das Héradsskólinn Boutique Hostel in Laugarvatn.

island - Héradsskólinn Boutique Hostel in Laugarvatn

Nikon D800, 20 mm, f/11, 6 sec, ISO 100

Die Gemeinschaftsräume haben ihren Charme, es gibt ein tolles Lesezimmer mit Bibliothekscharakter. Nur die Zimmer sind klein. Neben dem Bett hatte der Koffer gerade noch so Platz. Das Gemeinschaftsbad wie üblich auf dem Gang, dafür aber nur 109 EUR pro Nacht. Sehr günstig für Island.

island - Héradsskólinn Boutique Hostel in Laugarvatn

Aber wir sind zum Fotografieren hier. Während wir das Auto ausladen, bemerken wir neben uns einen jungen Mann, der gefesselt Richtung Himmel schaut. Blaue Stunde, was gibt es denn da so spannendes zu sehen, frage ich mich. Dann sehen wir sie: Polarlichter! Ein grünes, sehr intensives flackern. Überall. Wie Feuer. Alles ist in Bewegung und mit bloßem Auge sehr gut sichtbar. Ich bin extrem aufgeregt und hibbelig. Ich greife zur Kamera und mache schnell ein Foto aus dem Kofferraum.

island - polarlichter

Nikon D800, 20 mm, f/2.0, 5 sec, ISO 100

Begeistert wie Kleinkinder starren wir beide in den Himmel. Ich klatsche mehrfach in die Hände und rufe „so geil, das ist echt der Hammer Pino“. Doch dann kam er, der Perfektionismus. Polarlichter hin oder her: letztlich ist es nur ein Stilelement im Landschaftsfoto. »Pino! Wir brauchen ein interessantes Motiv im Vordergrund«. Nur wo? Wir waren überhaupt nicht auf diese Situation vorbereitet. Gedanklich lag mir noch der Geruch vom Imprägnierspray in der Nase, das ich kurz vor dem Abflug auf meine Wanderstiefel gesprüht habe. Und jetzt versprüht der grüne Himmel seinen Charme. Aber Pino ist sich sicher: »die Polarlichter werden wir noch die ganze Nacht sehen, kein Stress Thomas«.

Wir gehen also zur weiteren Planung ins Hostel. Bei Google Maps schaue ich nach möglichen Standorten. Ein kleiner See liegt direkt um die Ecke, perfekt! Wir ziehen uns warme Sachen an und kehren aufgeregt zurück nach draußen.

Doch dann die Ernüchterung: der Himmel ist dunkel, das Leuchten ist weg. Weit und breit keine Spur mehr von den Polarlichtern 🙁 Doch wir geben nicht auf: sie können jederzeit wiederkommen, denken wir. Leider nicht. Nach einer Stunde ziehen dicke Wolken auf, es wird diesig. »Lass uns abziehen Pino«. Wir stellen unsere Wanderschuhe im Vorraum vom Hostel ab und gehen ein wenig enttäuscht ins Bett. Aber vor uns liegen noch 9 Tage Roadtrip auf Island. Vielleicht haben wir erneut die Chance Polarlichter zu sehen. (kleiner Spoiler: ja, haben wir 🙂 )

Wie es weiter geht erfährst Du im zweiten Teil meines Reiseberichts: Vom Regenbogen zur Polizeiverfolgung